In der Naturphilosophie Hildegards von Bingen bilden das Weltenrad und die kosmischen Winde ein visionäres Modell, das im direkten Strukturvergleich exakt dem modernen systemtheoretischen Konzept der dissipativen Strukturen nach dem Physiker Ilya Prigogine entspricht.
Hildegard begreift das Universum nicht als statisches, in sich ruhendes Konstrukt. Sie veranschaulicht die in sich geschlossene Dynamik des Kosmos durch das Symbol eines Rades, das sich in einem permanenten, labilen Gleichgewicht befindet. In Bewegung gesetzt und stabilisiert wird dieses Weltenrad durch die kosmischen Winde, welche die göttlichen Weltkräfte symbolisieren und als gewaltige energetische Gesetzmäßigkeiten fungieren. Diese Winde hauchen das Weltenrad unaufhörlich an und halten es durch ein ständiges Steuern, Verstärken und Abbremsen in Balance.
Dieses historische Bild stimmt strukturell präzise mit dem Prinzip dissipativer Strukturen überein. In der modernen Systemtheorie beschreiben dissipative Strukturen offene Systeme, die ihre hochkomplexe Ordnung nur fernab eines toten thermodynamischen Gleichgewichts aufrechterhalten können. Dies gelingt ihnen ausschließlich durch einen ständigen und kontinuierlichen Energie- und Impulsfluss.
Im größeren Kontext verdeutlichen das Weltenrad und die kosmischen Winde somit die fundamentale systemische Einsicht, dass kosmische Ordnung und Leben unzertrennlich an einen fortlaufenden energetischen Austausch gebunden sind. Die kosmischen Winde fungieren als dieser lebensnotwendige, regulierende Energiefluss. So wie eine dissipative Struktur in sich zusammenfällt, wenn die Energiezufuhr stoppt, weist auch Hildegard darauf hin, dass ohne das unaufhörliche Wehen dieser Winde weder das Universum subsistieren noch der Mensch leben könnte.
Die Entsprechung zur dissipativen Struktur unterstreicht folglich, dass Hildegard das mechanistische Bild eines starren Uhrwerks radikal ablehnte. Stattdessen entwarf sie das Bild eines ganzheitlichen, extrem dynamischen und unaufhörlich angetriebenen Systems, in dem das Leben durch permanente Bewegung und energetischen Austausch am Laufen gehalten wird.