Dynamik & Selbsterhaltung

In dem Vergleich zwischen Hildegards Ordo und der modernen Systemtheorie bilden Dynamik und Selbsterhaltung den Kern einer gemeinsamen Weltsicht, die statische und mechanistische Erklärungsmodelle radikal ablehnt. Beide Ansätze begreifen die Wirklichkeit nicht als totes Uhrwerk, sondern als ein lebendiges, sich fortlaufend regenerierendes Netzwerk.

Die Quellen veranschaulichen diese Konzepte anhand folgender zentraler Entsprechungen:

Dynamik und dissipative Strukturen Hildegards kosmischer Ordo ist kein starres Gefüge, sondern durch ein permanentes, labiles Gleichgewicht gekennzeichnet. Diese Dynamik wird durch das Bild des „Weltenrades“ symbolisiert, welches durch kosmische Winde in ständiger Bewegung gehalten wird. Die Winde fungieren dabei als gewaltige energetische Gesetzmäßigkeiten, die einander im System steuern, verstärken und abbremsen. In der modernen Systemtheorie findet dieses historische Modell sein exaktes Äquivalent in den dissipativen Strukturen nach Ilya Prigogine. In beiden Theorien wird eine hochkomplexe Ordnung fernab eines toten thermodynamischen Gleichgewichts durch einen unaufhörlichen, dynamischen Energie- und Impulsfluss aufrechterhalten.

Selbsterhaltung, Autopoiese und Homöostase Um diese dynamische Struktur vor dem Zerfall zu bewahren, bedarf es ständiger Selbsterhaltung. Hildegard beschreibt hierfür die Viriditas (Grünkraft) als die immanente, lebenserhaltende und regenerative Kraft der Schöpfung. Systemtheoretisch lässt sich diese Viriditas als das funktionale Gegenstück zur Homöostase und Autopoiese rekonstruieren (der zirkulären Selbsterzeugung lebender Systeme nach Maturana und Varela). Ein lebendes System muss sich fortlaufend selbst erzeugen und seine eigene Organisation aufrechterhalten; bricht dieser autopoietische Kreislauf ab, stirbt das System. Die Viriditas ist der Motor dieses selbsterhaltenden Prozesses, der das System vor dem Austrocknen (Ariditas) schützt.

Zusätzlich wird die Selbsterhaltung durch das „rechte Maß“ (Discretio) und die Ausgewogenheit der Säfte (Humoralpathologie) gestützt. Diese wirken systemisch wie kybernetische Regelkreise und negative Rückkopplungsschleifen, die als dämpfende Kontrollmechanismen fungieren, um extreme Abweichungen zu korrigieren und das biologische wie kosmische System in seinem homöostatischen Gleichgewicht zu halten.

Der größere Kontext: Entropie und ethische Verantwortung Im größeren Rahmen des Vergleichs verdeutlichen Dynamik und Selbsterhaltung die immense Verletzlichkeit des Kosmos. Weil der Ordo ein offenes, dynamisch reguliertes System ist, kann er gestört werden. Während moderne soziologische Systemtheorien (wie bei Niklas Luhmann) Systemerhaltung oft rein funktional und wertneutral beschreiben, verknüpft Hildegard die systemische Selbstorganisation zwingend mit einer ethischen Dimension.

Wenn der Mensch, der als integriertes Subsystem (Holon) tief in diese Ordnung eingewoben ist, durch Maßlosigkeit oder destruktives Verhalten (Sünde) in das labile Gleichgewicht eingreift, wirkt er als realer ökologischer Störungsfaktor. Er setzt eine Kaskade zerstörerischer Rückkopplungen in Gang, in der die lebenserhaltende Viriditas durch Ariditas(Trockenheit, Dürre) verdrängt wird – was systemtheoretisch der Pathophysiologie der Entropie und der Systemdesintegration entspricht. Der Brückenschlag zwischen Hildegard und der Systemtheorie zeigt somit auf, dass ein rein instrumentelles, ausbeutendes Naturverhältnis die eigene Selbsterhaltung des Menschen sabotiert und stattdessen ein tiefenökologisches Bewusstsein als verantwortungsvoller „Co-Kreator“ im Biosphären-Netzwerk verlangt.


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