In der Kosmologie Hildegards von Bingen bilden das Weltenrad und die kosmischen Winde die zentralen Metaphern, um das Universum als ein sich selbst regulierendes, hochgradig dynamisches System zu beschreiben. Betrachtet man diese Bilder im größeren Kontext von Dynamik und Selbsterhaltung, wird deutlich, dass Hildegard die Welt nicht als starres, totes Uhrwerk begreift, sondern als lebendiges Beziehungsgeflecht, das sich durch permanente Bewegung und energetischen Austausch am Leben erhält.
Die Quellen veranschaulichen diese Konzepte der systemischen Selbsterhaltung anhand folgender Mechanismen:
- Das Weltenrad als Modell des labilen Gleichgewichts: Hildegard verwendet das Bild des Rades, um die in sich geschlossene Dynamik und unendliche Zirkulation des Kosmos zu verdeutlichen. Das Weltenrad ist keine unbewegliche Struktur, sondern befindet sich in einem permanenten, labilen Gleichgewicht aufeinander einwirkender Kräfte. Sein ewiger Kreislauf setzt die Zeit in Bewegung und repräsentiert den Rhythmus von Wachsen, Vergehen und Wiedergeburt, wodurch sich die regenerative Kraft der Natur fortlaufend selbst erhält. - Kosmische Winde als energetische Regulatoren: Das Weltenrad ruht nicht in sich selbst, sondern wird durch kosmische Winde in Bewegung und in Balance gehalten. In ihren Visionen (etwa im Liber divinorum operum) werden diese Winde allegorisch als Tierköpfe (Leopard, Wolf, Löwe, Bär) an den Rändern des Kosmos dargestellt, die das Rad unaufhörlich anhauchen. Diese Winde fungieren als gewaltige energetische Gesetzmäßigkeiten, die einander gegenseitig steuern, verstärken und abbremsen, um die hochkomplexe Ordnung des Weltalls aufrechtzuerhalten. - Lebensnotwendiges Fließgleichgewicht (Dissipative Strukturen): Im Brückenschlag zur modernen Systemtheorie entspricht die Dynamik des Weltenrades exakt den dissipativen Strukturen (nach Ilya Prigogine). Die Selbsterhaltung der kosmischen Ordnung geschieht fernab eines toten thermodynamischen Gleichgewichts und wird nur durch den ständigen Energie- und Impulsfluss der Winde stabilisiert. Ohne das Wehen dieser Winde würde die Systemstruktur zusammenbrechen: Weder das Universum könnte subsistieren, noch könnte der Mensch leben. - Winde als ethische Tugendkräfte: Die Dynamik der Selbsterhaltung beschränkt sich in Hildegards Modell nicht auf rein physikalische Naturkräfte. Die Winde und Tierköpfe symbolisieren zugleich geistige „Tugendkräfte“ (wie Hoffnung, Glaube, Gottesfurcht), die dem Menschen bei seinen körperlichen und seelischen Bedürfnissen beistehen. Diese energetischen Ströme treiben den Menschen an, seinen freien Willen konstruktiv und im Einklang mit der Schöpfung einzusetzen. - Störung der Selbsterhaltung durch menschliches Fehlverhalten: Da der kosmische Ordo ein dynamisch reguliertes, offenes System ist, ist er verletzlich. Tritt der Mensch durch unethisches Handeln und Maßlosigkeit (Sünde) aus der Ordnung heraus, pervertiert er die Dynamik des Weltenrades. Die Elemente und Winde verlassen ihre vorgegebenen Bahnen, reagieren mit widernatürlichen Bewegungen und „stinken im Pesthauch der üblen Schandtaten“. Dieses kybernetische Zurückschlagen der Natur – etwa in Form von Dürren oder Unwettern – setzt eine Kaskade zerstörerischer Rückkopplungen in Gang, die das System desintegrieren und dem Menschen als Teil dieses Netzwerks die Lebensgrundlage entziehen.
Zusammenfassend verdeutlichen das Weltenrad und die kosmischen Winde, dass Dynamik und Selbsterhaltung im Kosmos untrennbar mit ökologischer und ethischer Verantwortung verknüpft sind. Um das eigene Überleben und die Vitalität des Weltenorganismus zu sichern, darf der Mensch die lebenserhaltenden Energieflüsse nicht durch egoistische Ausbeutung stören, sondern muss sich als vernetzter „Co-Kreator“ harmonisch in das Rotieren des Weltenrades einfügen.