Innerhalb von Hildegards Kosmologie und der modernen Systemtheorie ist die Dämpfung von Extremen die primäre Funktion der Discretio (des rechten Maßes). Sie wirkt als unverzichtbarer Schutzmechanismus, der verhindert, dass die ständige Dynamik des Lebens in Zerstörung oder Chaos umschlägt.
Die Quellen veranschaulichen diesen dämpfenden Charakter der Discretio auf mehreren Ebenen:
1. Makrokosmische Dämpfung als Schutz vor Überschwemmung In Hildegards visionärem Weltbild wird die dämpfende Eigenschaft der Discretio durch kosmische Luftschichten symbolisiert. Ein Kreis aus starker, weißleuchtender Luft wirkt wie eine extrem zähe Sehne, deren Kraft die potenziell zerstörerischen Überschwemmungen der darüberliegenden wasserreichen Luft zurückhält. Diese Spannkraft des Luftkreises steht allegorisch für die Discretio: Sie federt extreme Ausbrüche der Elemente ab und stärkt das Wirken in der Welt durch Mäßigung, indem sie alles exakt in seinem vorgegebenen Maß hält.
2. Schutz vor Selbstzerstörung im menschlichen Mikrokosmos Als "Mutter aller Tugenden" und immanentes Konstitutionsprinzip der Lebensführung regelt die Discretio das menschliche Verhalten, indem sie vor schädlichen Extremen schützt. Ohne diese dämpfende Unterscheidungskraft neigt der Mensch dazu, sein System maßlos zu überlasten. Hildegard warnt ausdrücklich davor, dass der Mensch seinen Körper durch ungemäßigte Handlungen oder extreme Askese nicht so stark "zusammenstraffen" dürfe, dass er unweigerlich "in sein Verderben stürze". Die Discretiodämpft diese Extreme und sorgt dafür, dass Handlungen durch ausgleichendes Moderieren gestärkt werden.
3. Systemtheoretische Entsprechung: Kybernetik und negative Rückkopplung In der Übersetzung dieser historischen Konzepte in die moderne Wissenschaft wird die Discretio exakt als negative Rückkopplungsschleife und kybernetischer Regelkreis identifiziert. Der Kernmechanismus solcher Regelkreise ist die Aufrechterhaltung des Systemgleichgewichts (Homöostase) durch dämpfende Kontrollmechanismen. In der medizinischen Praxis Hildegards bedeutet dies: Um Krankheiten zu heilen, werden diätetische und phytotherapeutische Maßnahmen ergriffen, die auf thermischen und elementaren Qualitäten basieren und gezielt extreme Systemzustände dämpfen. Extreme Abweichungen der Körpersäfte – die zur Entzweihung (Dyskrasie) oder zur völligen Austrocknung der Lebenskraft (Ariditas) führen würden – werden durch diese Dämpfung korrigiert.
Zusammenfassend ist die Dämpfung von Extremen der eigentliche Sinn der Discretio. Sie fungiert als der entscheidende kybernetische Puffer, der extreme Ausschläge sowohl in den kosmischen Elementen als auch im menschlichen Verhalten und Säftehaushalt abfängt und das offene System so in seinem gesunden, homöostatischen Korridor hält.