Das Konzept der Discretio (das rechte Maß, die Unterscheidungskraft) fungiert in Hildegards Kosmologie als das entscheidende Kontroll- und Regulationsinstrument, das die Dynamik und Selbsterhaltung des lebendigen Systems überhaupt erst ermöglicht. Wenn das Universum (der Makrokosmos) und der Mensch (der Mikrokosmos) hochdynamische, stetig fließende Netzwerke sind, dann ist die Discretio systemtheoretisch betrachtet der kybernetische Regelkreis (die negative Rückkopplung), der das System im Gleichgewicht hält und vor der Selbstzerstörung bewahrt.
Die Quellen betten die Discretio durch folgende Aspekte tief in den Kontext von Dynamik und Selbsterhaltung ein:
1. Discretio als kosmisches Konstitutionsprinzip Damit die unaufhörliche Dynamik des Weltenrades nicht im Chaos endet, sind Maß und Discretio die immanenten Konstitutionsprinzipien des gesamten Weltbaus und all seiner Teile. Die Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft) existieren in einem hochgradig labilen Gleichgewicht; ihre Erhaltung wird nur dadurch gesichert, dass die Rauheit des einen durch die Milde des anderen abgefedert wird, sodass sie in einer derartigen "Concordia und Mensura" (Eintracht und Maß) zusammenwirken, dass "keines das andere stört". Jedes Geschöpf hat seinen funktionalen Platz und "nichts überschreitet sein Maß".
2. Die „Mutter aller Tugenden“ und das Prinzip der Homöostase Für den Menschen als Mikrokosmos wird die Discretio als die „Mutter aller Tugenden“ und als unverzichtbarer Kompass auf dem Lebensweg beschrieben. In der medizinischen und spirituellen Praxis Hildegards entspricht dies direkt dem Streben nach Homöostase (Selbstregulation). Körperliche und seelische Gesundheit hängen zwingend davon ab, dass die vier Körpersäfte ihr "richtiges Maß" beibehalten; tun sie dies, halten sie den Menschen gesund. Die Discretio hilft dem Menschen, in all seinen Verhaltensweisen, Gedanken und Taten – etwa beim Essen, Trinken, Schlafen und Wachen – eine vernünftige Balance zu wahren, ohne die das System an Krankheit und Störungen zugrunde geht.
3. Schutz vor Systemzerfall durch Überlastung Dynamik erfordert Bewegung, aber unkontrollierte Dynamik führt in den Zusammenbruch. Hildegard veranschaulicht visionär, dass die Discretio wie eine Sehne wirkt, die heilige Werke durch Mäßigung stärkt und sie "in ihrem Maß hält". Sie zügelt den Menschen davor, seinen Körper maßlos zu belasten oder unangemessen zu kasteien, damit er "nicht in sein Verderben stürze". Wird die Discretio missachtet, nimmt die Seele unausweichlich Schaden.
4. Maßlosigkeit als Störfaktor der Selbsterhaltung Während alle anderen Geschöpfe ihr vorgegebenes Maß instinktiv einhalten, hat der Mensch durch seine Vernunft (Rationalitas) die Freiheit, dieses Maß zu überschreiten. Tritt dies ein, zerstört er die Selbsterhaltung des Systems. Hildegard formuliert den kybernetischen Kausalzusammenhang deutlich: „Denn wenn der Mensch sein Maß überschreitet, verhalten sich seine Eingeweide dementsprechend“. Eine solche Maßlosigkeit stört nicht nur den menschlichen Mikrokosmos, sondern zwingt auch die makrokosmischen Elemente dazu, ihre regulären Bahnen zu verlassen, was sich in Unwettern und Dürren entlädt.
Im größeren Kontext von Hildegards Ordo und der Systemtheorie ist die Discretio also der Gegenpol zur zerstörerischen Maßlosigkeit und Ausbeutung. Eine nachhaltige Selbsterhaltung des Lebensnetzes ist nur möglich, wenn die gewaltigen schöpferischen Kräfte (die Dynamik und Viriditas) durch die ordnende, dämpfende Unterscheidungskraft der Discretio so moduliert werden, dass Mensch und Natur in einem maßvollen, ausbalancierten Rhythmus koexistieren können.