In den vorliegenden Quellen wird das historische Konzept der Viriditas (Grünkraft) bei Hildegard von Bingen als das direkte funktionale Äquivalent zur modernen systemtheoretischen Autopoiese (Selbsterzeugung) sowie zur biologischen Homöostase beschrieben.
Betrachtet man die Autopoiese im größeren Kontext der Viriditas, zeigen sich folgende zentrale Zusammenhänge:
- Zirkuläre Selbsterhaltung als Lebensprinzip: Die Autopoiese – ein Konzept der Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela – beschreibt die Fähigkeit lebender Systeme, sich in einem zirkulären Prozess fortlaufend selbst zu erzeugen und ihre eigene Organisation aufrechtzuerhalten. Bricht dieser autopoietische Kreislauf ab, tritt der Tod ein. In Hildegards Kosmologie fungiert die Viriditas exakt als der Motor dieses selbsterhaltenden und selbstgenerierenden Prozesses. Sie ist die immanente Kraft, die das lebendige System durchgängig regeneriert und davor bewahrt, auszutrocknen und zu zerfallen (Ariditas). - Die Metapher des Baumes: Hildegard veranschaulicht diesen autopoietischen Mechanismus bildhaft, indem sie die Seele und die Lebenskraft mit dem Saft eines Baumes vergleicht. So wie der aufsteigende Saft im Baum unaufhörlich zirkuliert, um ihm seine Gestalt zu geben, ihn ergrünen zu lassen und seine Früchte zur Reife zu bringen, so erhält die Viriditas den menschlichen Organismus und die Schöpfung am Leben und ermöglicht es ihnen, sich fortwährend neu zu entfalten. - Inhärente Selbstheilungskräfte: Die Selbsterzeugung des Systems ist eng mit seiner Selbstregulation verknüpft. Der Begriff der Viriditas umschreibt die der Schöpfung innewohnenden Selbstheilungs- und Genesungskräfte, die stets darauf ausgerichtet sind, eine gestörte Ordnung (etwa durch Krankheit) von innen heraus wiederherzustellen. Viriditas agiert somit als natürliche Antriebskraft, die das System dynamisch auf Heilung, Ganzheit und ein homöostatisches Gleichgewicht ausrichtet. - Ganzheitliche Lebensenergie: Während die moderne Systembiologie die Autopoiese oft rein mechanisch oder funktional als Erhalt von Systemgrenzen beschreibt, umfasst die Viriditas eine theologische, moralische und kosmische Dimension. Sie ist das göttliche Prinzip der Fruchtbarkeit und Lebensfrische, das durch alle Geschöpfe fließt und als universelles Bindeglied fungiert. Diese "Grünkraft" bringt nicht nur physisches Wachstum hervor, sondern befähigt den Menschen auch auf spiritueller Ebene zu geistiger Vitalität und ethischem Handeln.
Zusammenfassend offenbaren die Quellen, dass das moderne Prinzip der Autopoiese bereits in Hildegards Viriditasangelegt ist: Beide Ansätze begreifen das Leben nicht als statisches Objekt, sondern als einen hochdynamischen Prozess der ständigen Selbsterschaffung, Heilung und Regeneration.