Im Rahmen des Vergleichs zwischen der Naturphilosophie Hildegards von Bingen und der modernen Systemtheorie bildet die Viriditas (Grünkraft) eines der zentralsten und faszinierendsten Konzepte. Sie bezeichnet wörtlich die „Grünkraft“, Fruchtbarkeit und Frische, fungiert aber im tieferen Sinne als die universelle göttliche Lebens- und Heilkraft, die die gesamte Schöpfung durchströmt.
Im Kontext von Dynamik und Selbsterhaltung lässt sich die Viriditas systemtheoretisch als das direkte funktionale Äquivalent zur biologischen Homöostase und zur Autopoiese (Selbsterzeugung) rekonstruieren.
Die Quellen beleuchten dieses Konzept anhand der folgenden dynamischen und selbsterhaltenden Prinzipien:
1. Viriditas als Autopoiese (Zirkuläre Selbsterzeugung) Die moderne Biologie (nach Maturana und Varela) definiert lebende Systeme durch das Prinzip der Autopoiese – die Fähigkeit eines Systems, sich fortlaufend selbst zu erzeugen und seine eigene Organisation aufrechtzuerhalten. Bricht dieser Kreislauf ab, tritt der Tod ein. Hildegard antizipierte diesen Mechanismus vor fast 1000 Jahren: Sie beschreibt die Viriditas als den Motor dieses selbsterhaltenden und selbstgenerierenden Prozesses. Die Grünkraft durchströmt den Organismus wie der Saft einen Baum; sie formt ihn, lässt ihn ergrünen und bringt seine Früchte zur Reife. Sie ist die treibende Lebenskraft, die durch interne Rückkopplungsprozesse die Systemgrenzen und -funktionen aufrechterhält.
2. Viriditas als Homöostase (Selbstregulation und Heilung) Der moderne Begriff der Homöostase beschreibt die Eigenschaft eines Systems, trotz veränderlicher Umweltbedingungen einen stabilen, gesunden inneren Zustand aufrechtzuerhalten. Genau dies leistet die Viriditas: Sie ist eine immanente regulatorische Kraft, die als ständiger Fluss von Lebensenergie auf Heilung, Ganzheit und den Erhalt des Gleichgewichts (Balance) ausgerichtet ist. Hildegard versteht darunter die der Schöpfung innewohnenden Selbstheilungs- und Genesungskräfte, deren Ziel es ist, gestörte Ordnungen wiederherzustellen. Die Viriditas wehrt sich permanent gegen die destruktiven Einflüsse der Ariditas(Trockenheit, Dürre, Entropie), die das System blockieren und zerstören wollen.
3. Die Dynamik des Fließgleichgewichts Viriditas ist niemals statisch, sondern zeichnet sich durch permanente Dynamik aus. Hildegard versteht sie als ein ständiges Ein- und Ausströmen von Lebensenergie, ein vitales „Befeuchten“, das alles Lebendige durchdringt und vor dem Vertrocknen bewahrt. Sie ist die Spannung und Triebkraft im Kosmos, die dafür sorgt, dass sich Materie in immer komplexere und lebensbejahende Formen entwickelt. Fehlt diese Dynamik – etwa durch unethisches Verhalten, Maßlosigkeit oder Stress –, trocknet das System aus, verliert seine Regenerationsfähigkeit und wird krank.
4. Der Arzt als "Gärtner" der Selbsterhaltung Aus diesem systemischen Verständnis der Viriditas als Selbsterhaltungskraft ergibt sich ein radikal anderer Ansatz für Medizin und Heilung. In der modernen Übertragung (etwa bei der Medizinhistorikerin Dr. Victoria Sweet) wird der Arzt nicht primär als „Mechaniker“ begriffen, der defekte Einzelteile des Körpers isoliert repariert. Stattdessen agiert er wie ein „Gärtner“ des Körpers: Seine Aufgabe ist es, Hindernisse und Störfaktoren zu beseitigen und die natürliche Umgebung so zu pflegen, dass die körpereigene Viriditasreaktiviert wird. Die Heilung vollzieht das System aus seiner eigenen Grünkraft heraus.
Zusammenfassend ist die Viriditas im Werk Hildegards von Bingen viel mehr als nur eine theologische Metapher für „Grünsein“. Sie ist die formgebende, treibende und regulierende Systemenergie, die in der modernen Wissenschaft als Homöostase und Autopoiese bezeichnet wird. Sie garantiert die Dynamik und Selbsterhaltung von komplexen Systemen und bewahrt sie davor, in Krankheit, Entropie oder ökologischen Zerfall abzugleiten.