Geistliche Leitung durch Hildegard

Die geistliche Leitung durch Hildegard von Bingen über ihre Konvente zeichnete sich durch eine bemerkenswerte Verbindung aus traditioneller benediktinischer Prägung, visionär-prophetischer Autorität und einem stark ausgeprägten Sinn für das praktische rechte Maß aus. Im größeren Kontext des klösterlichen Lebens (Konvent) heben die Quellen dabei folgende wesentliche Aspekte ihrer Leitung hervor:

Vom Amt der Magistra zur souveränen Äbtissin Hildegards Führungsrolle wandelte sich im Laufe ihres Lebens. Nachdem ihre Lehrmeisterin Jutta von Sponheim im Jahr 1136 verstarb, wurde Hildegard von ihren Mitschwestern auf dem Disibodenberg zunächst zur „Magistra“ (Meisterin) gewählt,. Mit der späteren Gründung ihres eigenen Klosters auf dem Rupertsberg (um 1150) und dem Kauf der verwaisten Anlage in Eibingen (1165) übernahm sie weitreichendere geistliche und juridische Vollmachten. Ab 1163 wurde sie von Kaiser Barbarossa in einem kaiserlichen Schutzbrief ganz offiziell als „Äbtissin“ (abatissa) anerkannt,.

Die „discretio“ als Leitmotiv des Konventlebens Das spirituelle und alltägliche Fundament ihrer klösterlichen Leitung bildete die Ordensregel des heiligen Benedikt mit dem Leitgedanken „Ora et labora“ (Bete und arbeite). Das wichtigste Prinzip für Hildegards geistliche Leitung war dabei die „discretio“ (die Gabe der Unterscheidung bzw. das rechte Maß), die sie als die „Mutter aller Tugenden“ betrachtete,,. Als geistliche Mutter und Leiterin warnte sie ihre Nonnen vor maßloser und übertriebener Aszese. Sie verlangte stattdessen eine ausgewogene Lebensweise, in der Beten, Arbeiten, Schlafen und Essen in einem harmonischen, der menschlichen Natur entsprechenden Gleichgewicht stehen mussten,.

Kreative und festliche Liturgiegestaltung Hildegard prägte das geistliche Leben im Konvent durch eine außergewöhnlich freudige und sinnliche Ausgestaltung der Gottesdienste. Sie komponierte für ihre Mitschwestern 77 Gesänge sowie das geistliche Singspiel Ordo Virtutum, welche aktiv in die Gottesdienste eingebunden wurden. An hohen Festtagen ließ sie ihre Nonnen – als „Bräute Christi“ (sponsae Christi) – mit offenem, herabwallendem Haar, leuchtend weißen Seidenschleiern und goldenen Kronen im Chor stehen,. Dieses unkonventionelle Auftreten stieß bei Zeitgenossinnen, wie der Kanonissen-Meisterin Tenxwind von Andernach, auf scharfe Kritik, wurde von Hildegard aber im Namen der Erlösung und der besonderen Würde der geweihten Jungfrauen vehement verteidigt,,.

Soziale Strukturierung zur Wahrung des Klosterfriedens Zur geistlichen Leitung gehörte für Hildegard auch die pragmatische Sorge um den inneren Frieden ihrer Gemeinschaft. Auf dem Rupertsberg verfolgte sie eine elitäre Aufnahmepolitik und ließ ausschließlich adelige Frauen zu, da sie fürchtete, eine soziale Durchmischung auf engem Raum würde unweigerlich zu Neid, falschem Stolz und Konflikten führen,. Als Antwort auf die theologische und gesellschaftliche Kritik an diesem Privileg nutzte sie jedoch ihre zweite Klostergründung: Den Konvent in Eibingen öffnete sie gezielt für nicht-adlige Frauen aus den bürgerlichen Schichten,,.

Unabhängigkeit und prophetischer Herrschaftsanspruch Hildegards Leitung war vom unbeugsamen Willen nach Autonomie geprägt. In harten Auseinandersetzungen löste sie ihre Konvente aus der Vormundschaft der Mönche vom Disibodenberg, um die freie Wahl der Äbtissin, den ungeschmälerten Besitz der Klostergüter und die Einsetzung eigener Seelsorger zu garantieren,,. Ihre Durchsetzungskraft nach innen und außen bezog sie dabei nicht nur aus formalen Ämtern, sondern primär aus ihrem Sendungsbewusstsein als Prophetin und „Posaune Gottes“,. Da sie davon ausging, ihre Lehren und Handlungsanweisungen als direkte göttliche Weisungen („aus dem lebendigen Licht“) zu empfangen, forderte sie den unbedingten Gehorsam ihres Konvents und duldete keine eigenmächtigen Änderungen an ihren Anordnungen,.


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