Die Übernahme der verlassenen Klosterruinen in Eibingen durch Hildegard von Bingen im Jahr 1165 war unmittelbar mit der personellen und strukturellen Entwicklung ihres Konvents verbunden. Im größeren Kontext dieser Übernahme heben die Quellen folgende Aspekte der Konventsstruktur hervor:
Platzmangel als Auslöser der Neubesiedlung Die Gründung des zweiten Klosters war eine direkte Reaktion auf das rasante Wachstum von Hildegards Gemeinschaft. Ihr Hauptkloster auf dem Rupertsberg erlebte einen enormen personellen Aufschwung und beständigen Zulauf, sodass es für die vielen Nonnen bald zu klein wurde. Um dringend benötigten Raum zu schaffen, erwarb Hildegard die Eibinger Anlage, ließ sie restaurieren und besiedelte sie mit einem Konvent von dreißig Benediktinerinnen, die ursprünglich aus dem Rupertsberger Stammkonvent kamen.
Soziale Öffnung für nicht-adlige Frauen Mit der Etablierung des Eibinger Konvents vollzog Hildegard einen bemerkenswerten Wandel in der sozialen Zusammensetzung. Während der Konvent auf dem Rupertsberg streng adligen Frauen vorbehalten war, öffnete sie die Eibinger Gemeinschaft explizit auch für nicht-adlige Frauen aus den bürgerlichen Schichten.
Leitung und institutionelle Abhängigkeit Die Übernahme bedeutete keine völlige Eigenständigkeit für Eibingen. Hildegard übernahm selbst das Amt der Äbtissin für diesen zweiten Konvent. Der Eibinger Konvent unterstand im Mittelalter weiterhin administrativ und spirituell der Mutterabtei Rupertsberg.
Streben nach Emanzipation Diese Vormundschaft führte später zu kirchenpolitischen Spannungen. Besonders im 13. Jahrhundert versuchte der Eibinger Konvent, sich aus der Abhängigkeit vom Rupertsberg zu lösen und eine gleichrangige Stellung zu erstreiten. Dennoch blieb eine enge administrative, spirituelle und personelle Verflechtung der beiden Nonnenkonvente dauerhaft bestehen. Diese unauflösbare Verbundenheit beider Gemeinschaften zeigte sich später auch darin, dass die Vorsteherinnen ab dem Jahr 1603 offiziell den gemeinsamen Titel „Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen“ führten.