Die Aufnahme nicht-adeliger Frauen bildet einen der faszinierendsten Aspekte in der Geschichte der von Hildegard von Bingen geleiteten Konvente und ist geprägt von kirchenpolitischen Diskussionen, pragmatischen Lösungen und einem späteren historischen Rollback.
Im größeren Kontext der Konventsstrukturen lassen sich aus den Quellen folgende Entwicklungen nachzeichnen:
Die elitäre Struktur des Rupertsbergs und zeitgenössische Kritik Hildegards erstes Kloster auf dem Rupertsberg verfolgte eine strenge Aufnahmepolitik, die den Konvent ausschließlich adligen Frauen vorbehielt. Diese elitäre Ausrichtung stieß im 12. Jahrhundert auf deutliche Kritik, insbesondere durch Tenxwind (auch Tengswich) von Andernach, der Meisterin eines dortigen Kanonissenstifts. Erfüllt von den damals neu aufbrechenden kirchenreformatorischen Idealen der „pauperes Christi“ (der Armen Christi) verurteilte Tenxwind nicht nur den luxuriösen Festtagsschmuck der Rupertsberger Nonnen, sondern griff Hildegard vor allem dafür an, dass sie Frauen aus niederen Schichten von der Aufnahme ausschloss.
Hildegards pragmatische Verteidigung Hildegard verteidigte ihr striktes Adelsprivileg schroff. Ihre Haltung basierte jedoch weniger auf einer dogmatischen Ständelehre, in der Adelige pauschal als wertvoller galten, sondern auf der praktischen Verantwortung für den Frieden innerhalb ihrer Klostergemeinschaft. Sie argumentierte, dass eine soziale Durchmischung auf engem Raum unweigerlich zu Konflikten führen würde: Der Adel könnte zu falschem Stolz und Überheblichkeit neigen, während in den Herzen der Ärmeren Neid und Missgunst gegenüber den privilegierteren Mitschwestern wachsen würden.
Eibingen als Lösung für die bürgerlichen Schichten (ab 1165) Exakt fünf Jahre nach diesem kritischen Briefwechsel mit Tenxwind fand Hildegard eine institutionelle Lösung für dieses soziale Dilemma: Als sie 1165 die verlassene Klosterruine in Eibingen kaufte und neu besiedelte, etablierte sie dort eine völlig andere Sozialstruktur. Im Gegensatz zum Rupertsberg öffnete sie die Eibinger Gemeinschaft explizit für nicht-adlige Frauen aus den bürgerlichen Schichten. Tatsächlich weisen die überlieferten Namen der frühen Eibinger Nonnen fast ausschließlich auf eine nicht-adelige Herkunft hin. Eibingen fungierte somit als sozial durchmischtes Filialkloster, das Frauen eine klösterliche Heimat bot, denen der Zugang zum Rupertsberg verwehrt geblieben wäre.
Der Verlust der sozialen Offenheit (ab 1642) Diese bemerkenswerte soziale Offenheit des Eibinger Konvents war jedoch nicht von ewiger Dauer. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das adlige Mutterkloster Rupertsberg 1632 von schwedischen Truppen zerstört, woraufhin die Nonnen fliehen mussten und schließlich 1641/1642 dauerhaft in das Kloster Eibingen übersiedelten. In der Folge verschmolzen beide Konvente rechtlich und administrativ zu einer Einheit. Mit dieser Zusammenlegung setzte sich die elitäre Tradition des Rupertsbergs am neuen Standort durch: Die Quellen belegen, dass nach der Übersiedlung der Rupertsberger Nonnen in Eibingen fortan nur noch adlige Frauen aufgenommen wurden.
Zusammenfassend war die Aufnahme nicht-adeliger Frauen in Eibingen Hildegards direkte, strukturierte Antwort auf den strengen Adelsfokus ihres Hauptklosters. Diese Trennung nach Ständen sicherte den inneren Frieden beider Konvente, bis die kriegsbedingte Flucht im 17. Jahrhundert das Eibinger Kloster wieder in eine rein adelige Einrichtung zurückverwandelte.