Sünde als Kommunikationsmedium

Im Strukturvergleich zwischen modernen soziologischen Ansätzen und der Naturphilosophie Hildegards von Bingen offenbart sich beim Konzept der Sünde ein fundamentaler Gegensatz. Die Quellen beleuchten diesen Kontrast im größeren Rahmen der Systemerhaltung und der systemischen Störfaktoren:

- Sünde als funktionales Kommunikationsmedium (Luhmann): In der modernen soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann wird die Gesellschaft als ein Netzwerk funktional differenzierter Systeme begriffen. Das Religionssystem operiert dabei nach dem binären Code von Immanenz und Transzendenz (Diesseits und Jenseits). Damit die hochkomplexe Kommunikation innerhalb dieses religiösen Systems überhaupt funktioniert und aufrechterhalten werden kann, bedarf es eines „symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums“.
Luhmann identifiziert exakt die Sünde als dieses Medium. Die Sünde verknüpft Diesseits und Jenseits miteinander, schließt Gott, Seele und Gnade ein und hält den religiösen Kommunikationsstrom am Laufen, indem sie Prozesse wie Buße, Bestrafung und Erlösung generiert. Systemtheoretisch betrachtet ist die Sünde bei Luhmann also ein
rein funktionales, semantisches Konstrukt, das zwingend der Systemerhaltung dient.

- Sünde als realer systemischer Störfaktor (Hildegard): Im radikalen Kontrast zu dieser soziologischen Sichtweise fungiert die Sünde bei Hildegard von Bingen keineswegs als erhaltendes Medium, sondern als ein realer, kosmischer und ökologischer Störfaktor. Die Sünde ist hier jener destruktive Akt, durch den der Mensch das ihm zugedachte Maß überschreitet und aus der harmonischen Ordnung (dem kosmischen Ordo) heraustritt.

- Systemdesintegration und Ariditas: Während die Sünde bei Luhmann die Kommunikation und damit das System am Leben erhält, bewirkt sie bei Hildegard exakt das Gegenteil: Sie sabotiert das Biosphären-Netzwerk. Tritt der Mensch als sündiger Störfaktor auf, setzt er eine gefährliche Kaskade zerstörerischer Rückkopplungsschleifen in Gang. Dieses Fehlverhalten entzieht dem System die lebensnotwendige, ordnende Feuchtigkeit (die Viriditas) und treibt den Kosmos stattdessen in die Ariditas (Trockenheit, Dürre), was letztlich die moralische und physische Austrocknung des gesamten Weltenorganismus bedeutet.

Zusammenfassend zeigen die Quellen auf, dass die moderne Systemtheorie nach Luhmann die Sünde wertneutral als Kommunikationsmotor begreift, der das Religionssystem stabilisiert. Im tiefenökologischen Kosmosmodell Hildegards hingegen ist die Sünde die absolute Systemstörung, die das labile Fließgleichgewicht der Welt zerstört und lebensbedrohliche Konsequenzen für das gesamte Ökosystem nach sich zieht.


↑ Zum Anfang