Starrheit & Verdorren

Ariditas (Trockenheit, Dürre, Starrheit) bildet in Hildegards Kosmologie und deren Übersetzung in die moderne Systemtheorie den absoluten Gegenpol zur lebensspendenden und regulierenden Viriditas (Grünkraft). In diesem größeren Kontext umschreiben Starrheit und Verdorren den katastrophalen Zustand der systemischen Desintegration, der eintritt, wenn die natürlichen Energie- und Lebensflüsse eines Systems blockiert werden.

Die Quellen beleuchten diese Zustände anhand folgender Dimensionen:

- Starrheit als Verlust der Autopoiese und Kreativität: Starrheit ist der pathophysiologische Zustand der Entropie, in dem ein lebendes System seine Flexibilität und Selbstregulation verliert. Hildegard betont, dass ein ausgetrockneter, starrer Mensch oder eine ausgetrocknete Kultur die Fähigkeit zur Fruchtbarkeit und Kreativität vollständig einbüßt. Ohne die lebensnotwendige „Befeuchtung“ gibt es keine schöpferische Kraft. Die Starrheit (Barrenness) ist somit das systemische Versagen, sich selbst zu erneuern und hervorzubringen, was Hildegard als schwere Sünde und Tragödie begreift. - Das Verdorren der Seele (Mikrokosmos): Auf der geistig-seelischen Ebene resultiert das Verdorren aus einer Abkehr von ethischen Tugenden. Wenn der Mensch die Viriditas verlässt und sich stattdessen der „Dürre der Gleichgültigkeit“ zuwendet, verliert er den Lebenssaft für gute Taten; in der Folge ermatten die Kräfte seiner Seele und verdorren. Hildegard bezeichnet Ungerechtigkeit als die „absolute Trockenheit“: Ein ungerechter Mensch ist innerlich völlig ausgetrocknet, ohne zarte Güte und gänzlich ohne Erleuchtung. Nur wer sein Leben auf das Göttliche ausrichtet, bewahrt seine Seele davor, in sich zusammenzuschrumpfen und zu verdorren. - Das Verdorren der Natur (Makrokosmos): Da der Mensch untrennbar mit dem Kosmos vernetzt ist, bleibt seine moralische Dürre nicht ohne ökologische Folgen. Durch menschliche Schandtaten und Ungerechtigkeit werden die natürlichen Kreisläufe und Elemente pervertiert. Diese reagieren auf das menschliche Fehlverhalten, indem sie beispielsweise zersetzende oder austrocknende Eigenschaften annehmen, welche die Grünkraft und die Früchte der Erde physisch verdorren lassen und der Natur ihre Fruchtbarkeit entziehen.

Zusammenfassend veranschaulichen Starrheit und Verdorren die lebensfeindlichen Konsequenzen der Ariditas. Sie treten auf, wenn der Mensch durch Hartherzigkeit, Ungerechtigkeit oder Indifferenz die „Feuchtigkeit“ des Lebensnetzwerkes blockiert und so sich selbst, seiner Kultur und der gesamten Schöpfung die Regenerationsfähigkeit raubt.


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