Innerhalb der naturphilosophischen Systematik Hildegards von Bingen bildet die Ariditas (Trockenheit, Dürre, Starrheit) den extremen Gegenpol zur lebensspendenden Viriditas (Grünkraft). Im Kontext der modernen Systemtheorie wird diese Ariditas als pathophysiologische Entropie beschrieben – ein Zustand, in dem die ordnenden, lebenserhaltenden Prozesse zusammenbrechen und einer fortschreitenden systemischen Desintegration weichen.
Die Quellen beleuchten diese pathophysiologische Entropie im größeren Kontext der Ariditas anhand folgender systemischer Ebenen:
1. Verlust der Selbstregulation und Systemblockaden Während die Viriditas für eine funktionierende Homöostase (Selbstregulation) und minimale Entropie steht, tritt Ariditas auf, wenn die natürlichen Energie- und Informationsflüsse eines offenen Systems blockiert werden. Krankheit wird in diesem Modell folgerichtig nicht als isolierter, lokaler Defekt verstanden, sondern als ein umfassendes Ungleichgewicht der gesamten systemischen Flüsse und Wechselwirkungen.
2. Die Manifestation im Körper: Dyskrasie und Milieu-Verfall Auf der mikrokosmischen Ebene des menschlichen Körpers äußert sich diese Entropie durch ein Versagen der humoralen Ordnung. Die Körpersäfte, die im Idealzustand ein harmonisches Fließgleichgewicht bilden, geraten in Opposition zueinander; dieser Zustand der Entzweiung wird als Dyskrasie bezeichnet und manifestiert sich als Krankheit. Kybernetisch lässt sich diese gestörte Säfteordnung mit modernen pathophysiologischen Phänomenen wie einem Lymphstau, Entzündungen oder einer Gewebeübersäuerung vergleichen. Solche "gestauten" oder "verdorbenen" Säfte blockieren die feinen zellulären Regulationsmechanismen des Organismus, was den Körper innerlich vergiften und seine Lebenskräfte ersticken kann.
3. Verlust der autopoietischen und schöpferischen Kraft Ein System, das von pathophysiologischer Entropie erfasst wird, verliert seine autopoietischen (selbsterzeugenden) Eigenschaften. Ein ausgetrockneter (arider) Organismus oder eine ausgetrocknete Kultur büßt die Fähigkeit ein, zu wachsen, fruchtbar zu sein und kreative Schöpfungen hervorzubringen. Das System verliert die Macht, Krankheiten oder Wunden durch immanente Selbstheilungskräfte aus eigener Kraft zu überwinden.
4. Makrokosmische und moralische Entropie Diese Entropie ist jedoch nicht auf den rein biologischen Körper beschränkt. Menschliches Fehlverhalten und "Sünde" (verstanden als Entzug aus der systemischen Mitverantwortung) wirken als reale Störfaktoren. Sie entziehen dem System die lebensnotwendige "Feuchtigkeit" und führen zur moralischen wie physischen Ariditas – was einer regelrechten Austrocknung des Weltenorganismus entspricht.
Um diese pathophysiologische Entropie zu stoppen, reicht es systemtheoretisch nicht aus, als bloßer "Mechaniker" defekte Einzelteile zu reparieren. Vielmehr muss man wie ein "Gärtner des Körpers" agieren, um die Blockaden und Systemhindernisse der Ariditas gezielt zu entfernen. Erst wenn das Milieu von diesen Störfaktoren befreit ist, kann das System sein homöostatisches Gleichgewicht wiederfinden und die lebensspendende Feuchtigkeit (Viriditas) zurückkehren, um den fortschreitenden Verfall (die Entropie) umzukehren.