Die harmonische Weltordnung wird innerhalb des kosmischen Ordo der Hildegard von Bingen nicht als starrer, unbeweglicher Zustand verstanden, sondern als ein hochdynamisches, lebendiges Beziehungsgeflecht. Im größeren Kontext ihrer Kosmologie und des Vergleichs mit modernen Systemtheorien offenbart sich diese Harmonie als ein labiles Gleichgewicht, das durch das unablässige, präzise aufeinander abgestimmte Zusammenwirken aller Schöpfungskräfte aufrechterhalten wird.
Die Quellen heben folgende zentrale Dimensionen und Prinzipien dieser harmonischen Weltordnung hervor:
- Verzahnung der Vielfalt statt Gleichförmigkeit: Kosmische Harmonie bedeutet bei Hildegard nicht einfach eine konfliktfreie, passive Stille (oder, wie es in einer der Quellen pointiert heißt: "nicht Friede, Freude, Eierkuchen"), sondern meint den aktiven Prozess, "dass Verschiedenes miteinander sich verzahnt". Die Ordnung basiert auf dem Prinzip der Biodiversität und Vielfalt; jedes Geschöpf und jedes Element hat seinen spezifischen Platz und trägt gerade durch seine abgrenzbare Einzigartigkeit zur Vollkommenheit des Ganzen bei. - Kooperation und universelle Kommunikation: Die Weltordnung ist ein Raum radikaler Interdependenz, in dem "alles miteinander kommuniziert und einander Antwort gibt". Die Natur ist nach Hildegard primär nicht durch einen mörderischen Konkurrenzkampf geprägt, sondern durch Kooperation, Fülle und gegenseitige Abgestimmtheit. Jedes Lebewesen existiert in einem harmonischen Rhythmus des Gebens und Nehmens, in einem perfekten "Verhältnis des Nährens und Ernährtwerdens". - **Das rechte Maß (\Discretio\):** Die Stabilität dieser harmonischen Weltordnung verdankt sich der Discretio, dem dämpfenden, göttlich gefügten Maß. Die vier Weltelemente stehen in einer derart ausgewogenen Harmonie zueinander, dass ihre jeweiligen Gegensätze (wie Hitze und Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit) einander regulieren und abmildern, sodass "keines das andere stört". - Symphonische und musikalische Dimension: Diese Ordnung wird oft akustisch als Sphärenharmonie oder Symphonia (Zusammenklang) beschrieben. Die menschliche Seele ist nach Hildegard zutiefst "musikalisch gestimmt" und erinnert sich beim Hören irdischer Gesänge an die ursprüngliche, vollkommene Harmonie des Himmels. Aus dieser Resonanz erwächst die ethische Verpflichtung des Menschen, ein "symphonisches Leben in Harmonie mit der gesamten Schöpfung" zu führen. - Resonanz von Makro- und Mikrokosmos: Die kosmische Harmonie der äußeren Elemente ist die absolute Voraussetzung für den inneren Frieden und die körperliche Gesundheit des Menschen. Befinden sich die Makro-Elemente im harmonischen Gleichgewicht, ruhen auch die Körpersäfte des Menschen in ihrer Mitte; gerät der Kosmos hingegen in Unruhe, manifestiert sich im menschlichen Körper Krankheit.
Im Brückenschlag zur modernen Systemtheorie (insbesondere der Prozesstheologie nach Alfred North Whitehead) lässt sich eine solche Weltordnung als "brüchige Ordnung" oder "intensive Harmonie" begreifen. Sie klammert Widersprüche nicht aus, sondern integriert sie ereignishaft in spontanen, immer wieder neuen Synthesen.
Gefährdung durch den Menschen: Während alle nicht-vernunftbegabten Geschöpfe und Elemente dieses harmonische Gleichgewicht seinsnotwendig wahren, ist der Mensch der einzige Störfaktor. Tritt er durch Maßlosigkeit, Herrschsucht oder mangelnde ethische Rücksicht (Sünde) aus dieser Ordnung heraus, zerstört er das feine Netz der Interaktionen. Die Weltelemente verlassen daraufhin ihre kooperativen Bahnen und reagieren – nach kybernetischer Logik – mit zerstörerischen Rückkopplungen, was sich in extremen Unwettern, Dürren und Krankheiten äußert. Die Erhaltung und Wiederherstellung der harmonischen Weltordnung erfordert daher die tiefe Einsicht des Menschen, dass er nicht isoliert existieren kann, und mahnt seine aktive Rolle als verantwortungsvoller Mitgestalter (Co-Kreator) an.