In Hildegards Modell der Welt als Organismus ist die gegenseitige Abhängigkeit (radikale Interdependenz) nicht nur eine poetische Metapher, sondern das fundamentale ontologische Existenzprinzip. Das Universum wird nicht als ein bloßes Nebeneinander isoliert für sich bestehender Substanzen begriffen. Vielmehr ist der Kosmos ein lebendiger Organismus, dessen komplexe Einheit sich überhaupt erst aus dem hochdynamischen Zusammenspiel und der vollkommenen Verzahnung aller Kreaturen bildet.
Die Quellen heben in diesem größeren Kontext folgende Kerndimensionen der gegenseitigen Abhängigkeit hervor:
- Ontologische Unmöglichkeit der Isolation: In diesem Weltenorganismus kann kein einziges Lebewesen ohne die anderen existieren. Ein Geschöpf ist nur dadurch das, was es ist, weil es untrennbar mit einer Vielfalt anderer organischer und anorganischer Entitäten verbunden ist. Hildegard formuliert dieses Prinzip treffend: "So ist jedes Geschöpf mit einem anderen verbunden, und jedes Wesen wird durch ein anderes gehalten". - Kreislauf des Gebens und Nehmens: Die gegenseitige Abhängigkeit manifestiert sich in einem lebendigen Kreislauf, der auf einem präzise aufeinander abgestimmten Verhältnis des "Nährens und Ernährtwerdens"basiert. Die Erde ernährt die Pflanzen (das Grün), diese bringen Früchte hervor, und die Früchte nähren wiederum die Lebewesen. Im Strukturvergleich zur Systemtheorie entspricht dies dem unablässigen Austausch von Materie, Energie und Information in offenen, ökologischen Systemen. - Kooperation als Lebensfundament: Die Natur in diesem Organismus ist primär durch Kooperation, Abgestimmtheit und Fülle gekennzeichnet, nicht durch unerbittliche Konkurrenz. Die Lebewesen müssen sich mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten in das Netz des Lebens einfügen. Die Welt ist eine durchlässige Ordnung, in der "alles miteinander kommuniziert und einander Antwort gibt". - Die existentielle Abhängigkeit des Menschen: Der Mensch ist als vernetztes Subsystem und Mikrokosmos vollkommen in diese gegenseitige Abhängigkeit eingebettet. Hildegard betont unmissverständlich, dass der Mensch "kein Mensch sein [könnte], wenn die übrigen Geschöpfe nicht da wären". Seine psycho-physische Identität, sein Wohlbefinden und sein Überleben stützen sich vollständig auf die Lebenskräfte der Elemente und der Mitgeschöpfe.
Zusammenfassend zeigen die Quellen, dass das Erkennen dieser gegenseitigen Abhängigkeit zutiefst ethische Konsequenzen nach sich zieht. Da der Weltenorganismus auf der Intaktheit dieses Beziehungsnetzes beruht, ist der Respekt vor der Vielfalt und den Bedürfnissen der Mitgeschöpfe eine Notwendigkeit des eigenen Überlebens. Wenn der Mensch diese lebensnotwendigen Interaktionen stört oder andere Geschöpfe rücksichtslos vernichtet, sabotiert er das System, auf das er angewiesen ist, was letztlich einer Selbstzerstörung gleichkommt.