In den Quellen wird Hildegards Konzept der Welt als Organismus als ein zentraler Baustein ihrer Kosmologie beschrieben, der im größeren Kontext der strukturellen Entsprechungen erstaunlich präzise das vorwegnimmt, was heute in der modernen Systemtheorie und Ökologie formuliert wird.
Hildegard von Bingen begriff das Weltenrad (den Kosmos) nicht als ein totes, mechanisches Regelwerk, sondern als eine Art lebendigen Organismus oder ein "großes Lebewesen". Im Strukturvergleich zur modernen Wissenschaft entspricht dieses historische Modell exakt dem Konzept offener Systeme in der Ökologie.
Die Quellen heben dabei folgende Aspekte und Entsprechungen besonders hervor:
- Radikale Interdependenz: So wie die Organe eines Lebewesens nicht isoliert existieren können, kann in Hildegards Weltsicht kein einziges Geschöpf für sich allein überleben,. Jedes Element und jedes Seiende ist ontologisch auf ein unaufhörliches, dynamisches Zusammenspiel angewiesen,. Systemtheoretisch entspricht dies der Definition offener Systeme, die ihre innere Struktur und Existenz nur durch einen permanenten Stoff-, Energie- und Informationsaustausch mit ihrer Umwelt aufrechterhalten können. - Kreisläufe des Nährens und Ernährtwerdens: Hildegards organologisches Schöpfungsmodell basiert auf einem endlosen Rhythmus des Gebens und Nehmens,. Alles Geschaffene steht in einem harmonischen, exakt aufeinander abgestimmten Verhältnis der Kooperation und des "Nährens und Ernährtwerdens". - Holismus vs. Mechanismus: Mit der Vorstellung der Welt als lebendiger Organismus lehnte Hildegard faktisch jenes mechanistisch-reduktionistische Paradigma ab, das später in der Neuzeit dominieren sollte und die Natur zu einer toten Maschine oder einem bloßen Uhrwerk degradierte,. Die moderne Systembiologie und Tiefenökologie vollziehen heute eine Rückkehr zu genau diesem holistischen Ansatz, indem sie Natur wieder als vernetztes, lebendiges Gewebe begreifen,. - Der Mensch als Zelle des Makro-Organismus: Da der gesamte Kosmos als Organismus verstanden wird, agiert der Mensch darin als Mikrokosmos, dessen körperliche und seelische Rhythmen direkt mit dem Makrokosmos synchronisiert sind. Diese untrennbare Einbettung bedeutet auch, dass destruktives menschliches Verhalten (Sünde) nicht nur moralisch verwerflich ist, sondern wie eine reale Krankheit oder ein systemischer Störungsfaktor wirkt, der das ganze Lebewesen "Welt" aus dem Gleichgewicht bringt und "austrocknet",.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hildegards Vision der Welt als lebendiger Organismus den strukturellen Gegenentwurf zu einem isolierten Beherrschungsdenken darstellt. Die moderne Systemtheorie bestätigt dieses historische Bild: Die Wirklichkeit existiert nicht in Form starrer Objekte und linearer Ketten, sondern als dynamisches Lebensnetzwerk, in dem das System die Welt erst dadurch lebendig macht, dass alle Teile fortlaufend und integrativ zusammenwirken,.