In der ganzheitlichen Weltsicht Hildegards von Bingen und der modernen Systemtheorie ist das Prinzip der Emergenzder Schlüssel, um den kosmischen Ordo nicht als bloße Ansammlung von Dingen, sondern als ein höheres, lebendiges Ganzes zu begreifen.
Im Strukturvergleich wird Hildegards Konzept der harmonischen Weltordnung (der Ordo) direkt der modernen Systemstruktur und Emergenz zugeordnet. Konkret bedeutet dies, dass die hierarchische Strukturierung des Kosmos die Integration einer immensen Komplexität ermöglicht, bei der das Gesamtsystem Eigenschaften aufweist, die seinen isolierten Einzelteilen völlig fehlen.
Betrachtet man dies im größeren Kontext der Komplexitätsforschung, so wird Emergenz als eine fundamentale Eigenschaft komplexer Systeme verstanden. Eine Wissenschaft komplexer Systeme ist im Grunde eine "Wissenschaft der Emergenz, eine Wissenschaft vom Werden". Wenn viele einzelne Akteure oder Elemente – ob in der Natur oder im Kosmos – in Beziehung treten, organisieren und reorganisieren sie sich ständig neu, wodurch auf jeder Systemebene neue emergente Strukturen und Verhaltensmuster entstehen.
Auf den kosmischen Ordo übertragen heißt das:
- Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile: Die Welt, so wie Hildegard sie visionär beschreibt, ist ein lebendiger Organismus, dessen Existenz auf der unaufhörlichen Interaktion und gegenseitigen Abhängigkeit aller Geschöpfe und Elemente (Erde, Wasser, Luft, Feuer) beruht. Die Stabilität, Fruchtbarkeit und Harmonie dieses Ordo sind emergente Eigenschaften, die nur durch das dynamische Zusammenspiel – etwa das Fließgleichgewicht der kosmischen Winde oder die regulierende Grünkraft (Viriditas) – hervorgebracht werden können. - Hierarchische Ordnung statt Chaos: Die Emergenz formt aus einem formlosen Chaos ein strukturiertes Ganzes. Die kosmische Ordnung ist hochgradig vernetzt und spiegelt sich auf verschiedenen Ebenen wider (Fraktale Muster), sodass beispielsweise der Mensch (als Mikrokosmos und Holon) die emergenten Dynamiken des gesamten Makrokosmos in sich vereint und abbildet.
Im größeren Zusammenhang des Vergleichs zwischen Hildegards Philosophie und Systemtheorie verdeutlicht das Konzept der Emergenz, wie fragil und lebendig der Ordo ist. Weil die harmonische Ordnung eine emergente Eigenschaft des gesamten Netzwerks ist, kann sie nicht aufrechterhalten werden, wenn wesentliche Teile dieses Netzwerks ihre Funktion verfehlen. Wenn der Mensch aus dieser Verbundenheit heraustritt, stört er jene feinen Interaktionen und Rückkopplungsschleifen, die das System stabilisieren, und gefährdet damit die emergenten Eigenschaften des kosmischen Gleichgewichts.