Symphonia (Himmlische Harmonie)

Der Begriff Symphonia bezeichnet bei Hildegard von Bingen weit mehr als Musik im engeren Sinn. Er beschreibt die von Gott gestiftete Harmonie der gesamten Schöpfung, in der Himmel und Erde, Mensch und Natur sowie Leib und Seele aufeinander bezogen sind. Musik wird damit zum hörbaren Ausdruck einer Ordnung, die den gesamten Kosmos durchdringt und den Menschen in seine ursprüngliche Bestimmung zurückführt.

Die symphonische Seele

Grundlegend für Hildegards Musikverständnis ist die Aussage: symphonialis est anima – „Die Seele ist symphonisch“. Der Mensch ist auf Harmonie hin geschaffen; seine Seele besitzt die Fähigkeit, den göttlichen Zusammenklang aufzunehmen und weiterzugeben.

Vor dem Sündenfall lebte der Mensch nach Hildegards Vorstellung in vollkommener Übereinstimmung mit Gott. Adam besaß eine engelhafte Stimme (vox angelica), mit der er den Schöpfer gemeinsam mit der himmlischen Welt pries. Durch den Sündenfall ging diese ursprüngliche Harmonie verloren. Die irdische Musik bewahrt jedoch die Erinnerung an sie und weist auf ihre künftige Wiederherstellung voraus.

Leib, Seele und Vernunft

Musik entsteht bei Hildegard aus dem Zusammenwirken von Leib und Seele. Der Körper ist das Werkzeug, durch das die Seele ihre Stimme erklingen lässt. Erst ihr harmonisches Zusammenwirken ermöglicht den Lobpreis Gottes.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Rationalitas. Sie meint nicht bloß den verstandesmäßigen Intellekt, sondern die göttliche Vernunftordnung, welche die Schöpfung zusammenhält und den Menschen befähigt, Beziehungen zu erkennen und in Einklang zu bringen. In diesem Sinn ist die Symphonia Ausdruck einer umfassenden Ordnung, die Menschen, Natur und Gott miteinander verbindet.

Symphonia und Viriditas

Hildegard verbindet ihre Musiktheologie eng mit dem Gedanken der Viriditas, der göttlichen Lebenskraft. In ihren Gesängen erscheinen Töne häufig in Bildern des Blühens und Ergrünens. Musik ist deshalb nicht nur Klang, sondern Ausdruck schöpferischen Lebens.

Wie Pflanzen durch ihre Blüte die Schöpfung preisen, so antwortet der Mensch durch seinen Gesang auf den Schöpfer. Die gesamte Natur erscheint als Teil einer kosmischen Harmonie, an der jedes Geschöpf auf seine eigene Weise teilhat.

Die Sammlung Symphonia armoniae celestium revelationum

Praktischen Ausdruck fand dieses Verständnis in der Liedersammlung Symphonia armoniae celestium revelationum. Sie umfasst 77 liturgische Gesänge sowie das geistliche Drama Ordo Virtutum. Hildegards Kompositionen zeichnen sich durch ungewöhnlich große Tonumfänge, weite melodische Bögen und eine eigenständige musikalische Sprache aus, die sich deutlich vom üblichen gregorianischen Choral ihrer Zeit abhebt.

Ihre Musik steht dabei in enger Verbindung zu ihren Visionen. Hören und Sehen bilden für Hildegard keine Gegensätze, sondern zwei Ausdrucksformen derselben göttlichen Offenbarung. So mündet der Schluss von Scivias in die Vision eines himmlischen Lobgesangs, in dem die gesamte Schöpfung als kosmische Symphonie erscheint.

Der Lobgesang als Berufung des Menschen

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch Hildegards entschiedener Widerstand gegen das während des Mainzer Interdikts verhängte Gesangsverbot ihres Klosters. Für sie war das liturgische Singen kein bloßes kirchliches Ritual, sondern Ausdruck der eigentlichen Berufung des Menschen. Wer den Lobgesang unterbindet, greift nach ihrem Verständnis in die von Gott gestiftete Harmonie der Schöpfung ein und nimmt dem Menschen einen wesentlichen Teil seiner Bestimmung.


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