Ordo Virtutum (Spiel der Tugenden)

Das Ordo Virtutum („Spiel der Tugenden“) gehört zu den bedeutendsten Werken Hildegards von Bingen. Es verbindet Theologie, Dichtung und Musik zu einem geistlichen Drama und gilt als das älteste vollständig erhaltene Moralitätenspiel des Mittelalters. Im Unterschied zu den liturgischen Spielen seiner Zeit entstand es nicht als unmittelbarer Bestandteil der Messe oder eines bestimmten Gottesdienstes, sondern als eigenständiges geistliches Bühnenwerk.

Musik als Ausdruck der göttlichen Ordnung

Hildegards Musikverständnis beruht auf der Vorstellung, dass die menschliche Seele von Natur aus auf Harmonie ausgerichtet ist (symphonialis est anima). Die Musik erinnert an die ursprüngliche Gemeinschaft des Menschen mit Gott und lässt etwas von der verlorenen Harmonie des Paradieses anklingen.

Diese Vorstellung bestimmt den Aufbau des Ordo Virtutum. Das Werk erzählt den Weg der menschlichen Seele (Anima) zwischen Versuchung, Umkehr und Erlösung. Die Tugenden, die Seele sowie die Propheten und Patriarchen singen ihre Rollen, während der Teufel ausschließlich spricht oder schreit. Seine Unfähigkeit zu singen macht seine Trennung von der göttlichen Ordnung und der himmlischen Harmonie hörbar.

Entstehung und Aufführung

Das Ordo Virtutum entstand vermutlich um 1151 im Zusammenhang mit der letzten Vision des Scivias und wurde später als eigenständiges Drama überliefert. Es veranschaulicht zentrale Gedanken von Hildegards Visionstheologie in musikalischer und szenischer Form.

Über die ursprüngliche Aufführungspraxis ist nur wenig bekannt. Hinweise aus zeitgenössischen Quellen lassen jedoch vermuten, dass die Aufführungen durch besondere Gewänder und symbolische Ausstattung geprägt waren. Ein Brief der Äbtissin Tengswich von Andernach berichtet kritisch über kostbare Schleier und goldene Kronen, welche die Nonnen bei festlichen Anlässen trugen. Diese Ausstattung dürfte die Würde und Schönheit der dargestellten Tugenden unterstrichen haben.

Die Tradition der Psychomachia

Das Ordo Virtutum steht in der Tradition der Psychomachia, des geistlichen Kampfes zwischen Tugenden und Lastern, wie er seit dem spätantiken Dichter Prudentius bekannt ist. Charakteristisch für Hildegards Werk ist, dass die Tugenden als weibliche Gestalten auftreten und gemeinsam die Seele auf ihrem Weg zurück zu Gott begleiten. Der Sieg über das Böse erfolgt nicht durch Gewalt, sondern durch die Kraft der Tugenden und die Bereitschaft der Seele zur Umkehr.

Das Drama weist zugleich auf zentrale Gedanken des später entstandenen Liber Vitae Meritorum voraus. Auch dort stehen Tugenden und Laster einander gegenüber, nun allerdings in einer Reihe dialogischer Auseinandersetzungen, die das sittliche Leben des Menschen entfalten.

Bedeutung

Das Ordo Virtutum nimmt innerhalb von Hildegards Werk eine besondere Stellung ein. Es verbindet Musik, Dichtung und Theologie zu einer Einheit und macht ihre Visionen in einer künstlerischen Form erfahrbar. Zugleich zeigt es, welche Bedeutung Hildegard der Musik als Ausdruck der göttlichen Ordnung und als Weg des Menschen zu Gott beimaß.


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