Wer heute an Hildegard von Bingen denkt, verbindet ihren Namen häufig zuerst mit ihrer Musik. Tatsächlich sind ihre Gesänge bis heute lebendig geblieben und werden weltweit aufgeführt. Doch für Hildegard war Musik weit mehr als Kunst oder liturgische Ausschmückung. Sie war Ausdruck einer göttlichen Ordnung, die den gesamten Kosmos durchzieht und den Menschen an seine ursprüngliche Gemeinschaft mit Gott erinnert.
Dieses Verständnis prägt nicht nur ihre Kompositionen, sondern ebenso ihre Dichtung, ihre Visionen und ihre Bildsprache. Hören, Sehen und Erkennen bilden bei ihr eine untrennbare Einheit. Musik macht hörbar, was ihre Visionen zeigen und ihre Schriften erklären: Die ganze Schöpfung ist auf Harmonie, Leben und Lobpreis Gottes ausgerichtet.
Die folgenden Werke eröffnen deshalb einen besonderen Zugang zu Hildegards Denken. Das Ordo Virtutum verbindet Theologie, Musik und dramatische Handlung zu einem einzigartigen geistlichen Schauspiel. Die Symphonia führt in ihr Verständnis der kosmischen Harmonie ein, in der Mensch, Natur und Gott miteinander verbunden sind. Ihre **visionäre Bildsprache** macht schließlich sichtbar, was sich mit Worten allein kaum ausdrücken lässt: die geistige Wirklichkeit hinter der sichtbaren Welt.
Zusammengenommen zeigen diese Werke eine Seite Hildegards, die bis heute fasziniert. Sie vermitteln Glauben nicht in erster Linie durch abstrakte Lehrsätze, sondern durch Klang, Bilder und Symbole. Dadurch laden sie den Leser ein, ihre Gedanken nicht nur verstandesmäßig nachzuvollziehen, sondern sie auch mit den Sinnen und der eigenen Vorstellungskraft zu erschließen.