Der Lobpreis Gottes nimmt im Denken Hildegards von Bingen einen zentralen Platz ein. Er ist Ausdruck der Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung und prägt ihr Verständnis von Liturgie, Musik und geistlichem Leben. Der Mensch erfüllt nach ihrer Auffassung seine Berufung in besonderer Weise, indem er Gott mit seinem ganzen Leben und insbesondere durch den Gesang lobt.
Musik als Erinnerung an die ursprüngliche Harmonie
Hildegard verbindet die Musik mit dem Zustand der Schöpfung vor dem Sündenfall. Nach ihren Vorstellungen besaß der Mensch ursprünglich eine vollkommene Harmonie mit Gott, die sich auch im Gesang ausdrückte. Durch den Sündenfall ging diese ursprüngliche Einheit verloren. Die Musik erinnert an diese göttliche Ordnung und richtet den Menschen neu auf sie aus. Gesang und Instrumentalmusik helfen nach Hildegards Verständnis, das Herz für Gott zu öffnen und die Erinnerung an die himmlische Harmonie lebendig zu halten.
Leib und Seele wirken dabei zusammen. Die Seele verleiht dem Körper Stimme und Ausdruck, sodass der Mensch mit seinem ganzen Wesen am Gotteslob teilnehmen kann.
Der Lobpreis der gesamten Schöpfung
Für Hildegard beschränkt sich das Gotteslob nicht auf den Menschen. Die gesamte Schöpfung verweist durch ihr Dasein auf ihren Ursprung in Gott. Pflanzen, Tiere, Elemente und Himmelskörper folgen der ihnen von Gott gegebenen Ordnung und preisen dadurch den Schöpfer. Der Gesang des Menschen bildet innerhalb dieser umfassenden Ordnung eine besondere Form bewusster Antwort auf Gottes Wirken.
Das Mainzer Interdikt
Welche Bedeutung Hildegard dem liturgischen Gesang beimaß, zeigt sich in ihrem Konflikt mit kirchlichen Autoritäten während des Mainzer Interdikts. Als den Nonnen ihres Klosters zeitweise das Singen der Liturgie untersagt wurde, wandte sie sich entschieden gegen diese Maßnahme. In ihren Briefen betont sie, dass der gottesdienstliche Gesang ein wesentlicher Bestandteil des kirchlichen Lebens sei und der Lobpreis Gottes nicht ohne schwerwiegenden Grund unterdrückt werden dürfe.
Musik und Bild als Ausdruck derselben Wirklichkeit
Auch Hildegards Visionen und ihre bildliche Überlieferung greifen das Motiv des unaufhörlichen Gotteslobes auf. Engelchöre, Lichtgestalten und die geordnete Struktur des Kosmos verweisen auf die Harmonie der Schöpfung. Musik und Bild erfüllen dabei eine ähnliche Aufgabe: Beide sollen den Menschen helfen, die göttliche Ordnung wahrzunehmen und sich in sie einzufügen. Während die Bilder diese Wirklichkeit sichtbar machen, bringt die Musik sie klanglich zum Ausdruck.
Der Lobpreis erscheint damit als ein Grundmotiv von Hildegards Denken. Er verbindet Liturgie, Musik, Kunst und Schöpfung zu einer Einheit und verweist den Menschen auf seine Beziehung zu Gott sowie auf seinen Platz innerhalb der von Gott geschaffenen Ordnung.