Die Lehre „Symphonialis est anima“ (Die Seele ist symphonisch) ist das zentrale theologische und anthropologische Axiom in Hildegards von Bingen Verständnis von Musik und spielt die entscheidende Rolle in ihrem Widerstand gegen das Mainzer Interdikt (1178–1179). Als die Prälaten ihrem Kloster das Singen des Stundengebets verboten, nutzte sie dieses Konzept in ihrem berühmten Protestschreiben (Brief 23 bzw. Ad praelatos Moguntinenses), um das Gesangsverbot nicht als bloße disziplinarische Maßnahme, sondern als massiven Eingriff in die göttliche Heilsordnung zu entlarven.
Die musikalische Natur der Seele Für Hildegard bedeutet „Symphonialis est anima“, dass die menschliche Seele von Natur aus eine musikalische, harmonische Struktur in sich trägt. Ein Mensch, der Lieder hört, seufzt und stöhnt oft deshalb, weil die äußeren Töne das innere, harmonische Wesen seines Geistes berühren und unweigerlich Erinnerungen an die himmlische Harmonie wecken. Hildegard deutet die Seele als ein Wesen, das im Idealfall zu einer inneren Ordnung zurückfindet, in der alle widerstrebenden Kräfte zu einer Einheit zusammenwachsen. Das gesamte menschliche Leben kann somit als harmonisch und symphonisch gedeutet werden.
Sündenfall, Adam und die Wiederherstellung der Harmonie Hildegard bettete diese Lehre in die Heilsgeschichte ein: Vor dem Sündenfall besaß Adam eine engelgleiche Stimme und stimmte in völliger Reinheit in den Lobgesang der Engel ein. Durch seinen Ungehorsam und den Fall verlor er diese harmonische Gabe und versank in der Finsternis der Ignoranz. Um die Menschheit aus diesem Exil zu retten und sie wieder an die verlorene göttliche Süße zu erinnern, inspirierte Gott die alttestamentlichen Propheten dazu, Psalmen zu dichten und Musikinstrumente zu erfinden.
Die theologische Notwendigkeit des Gesangs Im Kontext des Interdikts argumentierte Hildegard, dass Musik für den Menschen kein bloßer ästhetischer Luxus ist. Weil die Seele symphonisch ist, nutzt sie die Töne, um den Körper (der als das „Gewand der Seele“ betrachtet wird) in den göttlichen Lobpreis miteinzubeziehen. Musik fungiert in Hildegards Lehre fast wie ein Sakrament: Sie ist ein sinnliches Symbol, das die Gläubigen real in Kontakt mit himmlischen Sphären bringt und die durch den Sündenfall entstandene innere Zerrissenheit überwindet. Durch das Singen der Liturgie lernen die Nonnen, ihre innere Seele durch äußere, körperliche Handlungen (Gesang und Instrumente) zu formen und auf Gott auszurichten. Ein Gesangsverbot, also das bloße stumme Flüstern der Texte, zerreißt diese gottgewollte Einheit von Körper und Seele.
Das Interdikt als Werk des Teufels Mit der Lehre der symphonischen Seele ging Hildegard in ihrem Brief sogar so weit, die Sanktionen der Mainzer Prälaten als Einflüsterung des Teufels zu brandmarken. Als der Teufel bemerkte, dass die Menschen durch göttliche Inspiration wieder zu singen begannen, erschrak er zutiefst. Er wusste, dass der Gesang die Menschen an ihre himmlische Heimat erinnert und seine Ränke zunichtemacht. Daher versucht der Teufel unaufhörlich, den göttlichen Lobpreis in der Kirche durch Zwietracht, Skandale oder eben durch ungerechte Unterdrückung und Verbote zu zerstören.
Die prophetische Warnung Hildegard nutzte den Grundsatz „Symphonialis est anima“, um den Klerikern unmissverständlich klarzumachen, welch immense theologische Schuld sie auf sich luden. Wer einer Gemeinde ohne triftigen Grund den Gesang verbietet, raubt der symphonischen Seele ihr wichtigstes Mittel, um mit der himmlischen Harmonie in Einklang zu treten. Sie schloss daraus mit prophetischer Schärfe: Wer Gott auf Erden fälschlicherweise seines Lobpreises beraubt, wird im Jenseits selbst von der Teilnahme am Lobgesang der Engel ausgeschlossen werden, sofern er keine Buße tut.