Hildegard von Bingen

Rupertsberg

Die vorliegenden Quellen zeichnen das Bild einer der faszinierendsten und einflussreichsten Frauen des Mittelalters. Hildegard von Bingen (1098–1179) war eine deutsche Benediktineräbtissin, Mystikerin, Universalgelehrte, Komponistin und Heilkundige, deren Leben und theologische Autorität die üblichen gesellschaftlichen Grenzen für Frauen ihrer Zeit weit überschritten.

Frühes Leben und klösterliche Gründungen Hildegard wurde 1098 als zehntes Kind adliger Eltern (Mechthild und Hildebert) geboren. Im Alter von etwa acht Jahren wurde sie der Inklusin Jutta von Sponheim zur Erziehung auf dem Disibodenberg übergeben. Dort erlernte sie die Grundlagen der benediktinischen Liturgie und das Lesen der Psalmen. Nachdem Jutta 1136 verstarb, wurde Hildegard zur Magistra (Meisterin) der inzwischen stark angewachsenen Frauengemeinschaft gewählt. Da ihr die Räumlichkeiten im Männerkloster Disibodenberg zu eng wurden und sie nach Eigenständigkeit strebte, verließ sie dieses trotz anfänglichen Widerstands der Äbte und gründete um 1150 ihr eigenes Frauenkloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Im Jahr 1165 erwarb sie eine weitere klösterliche Anlage in Eibingen (bei Rüdesheim) und gründete dort ein zweites Kloster.

Visionen und theologische Hauptwerke Bereits seit ihrer Kindheit erlebte Hildegard Erscheinungen des „lebendigen Lichts“. Im Alter von 42 Jahren erhielt sie in einer Vision den göttlichen Befehl, das Gesehene und Gehörte niederzuschreiben. Dabei unterstützten sie ihr Vertrauter und Sekretär, der Mönch Volmar von Disibodenberg, sowie ihre engste Vertraute und „Lieblingsnonne“, die junge Adlige Richardis von Stade. Auf der Trierer Synode (1147/48) wurden Hildegards seherische Gaben von Papst Eugen III., unterstützt durch den einflussreichen Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, offiziell anerkannt, was ihr eine für Frauen beispiellose kirchliche Autorität verlieh.

Ihre visionäre Theologie hielt sie in einer großen Trilogie fest:

- ***Scivias\* („Wisse die Wege“, 1141–1151): Beschreibt die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zu den Letzten Dingen. - *Liber vitae meritorum\* („Buch der Lebensverdienste“, 1158–1163): Eine visionäre Ethik, in der 35 Tugenden und Laster einander gegenübergestellt werden. - *Liber divinorum operum\* („Buch der göttlichen Werke“, 1163–1174):** Ihr Alterswerk über die Schöpfungsordnung, das die Verbindung von Mikrokosmos (Mensch) und Makrokosmos (Weltall) behandelt.

Die moderne Wissenschaft liefert teilweise eine physiologische Erklärung für ihre Visionen: Der Neurologe Oliver Sacks vermutete, dass Hildegards Leuchterscheinungen von schweren Migräne-Auren (sogenannten Skotomen) herrührten, die jedoch für sie zur Grundlage ekstatischer Inspiration wurden.

Musik, Geheimsprache und Wissenschaft Ein zentrales Element von Hildegards Theologie war die Musik. Sie komponierte 77 liturgische Gesänge (Symphonia harmoniae caelestium revelationum) sowie das liturgische Spiel Ordo virtutum („Spiel der Kräfte“), das als ältestes erhaltenes moralisches Singspiel gilt. Für Hildegard war die Seele „symphonisch“ („symphonialis est anima“). Sie lehrte, dass Adam im Paradies eine engelhafte Stimme besaß, die er durch den Sündenfall verlor. Das Singen der Liturgie war für sie der Weg, diese himmlische Harmonie wiederzuerlangen und eine Verbindung zum Göttlichen herzustellen.

Darüber hinaus interessierte sie sich tiefgreifend für die Schöpfung und Heilkunde. Sie verfasste zwei Werke, Physica(Naturkunde) und Causae et curae (Heilkunde), in denen sie Krankheitsursachen, antike Humoralpathologie (Säftelehre) und die Heilkraft von Pflanzen und Edelsteinen beschrieb. Zudem erfand sie eine eigene Sprache, die Lingua ignota, bestehend aus über 1.000 Substantiven, sowie ein dazugehöriges Alphabet (Litterae ignotae) – möglicherweise, um die Solidarität unter den Nonnen zu stärken oder als spirituellen, mystischen Ausdruck.

Politik, Briefwechsel und Predigtreisen Hildegard mischte sich als Prophetin (prophetissa teutonica) aktiv in die Politik und Kirchenreform ihrer Zeit ein. Es sind knapp 390 Briefe von ihr überliefert. Sie korrespondierte mit Kaisern wie Friedrich I. Barbarossa, dem sie ins Gewissen redete, mit Päpsten, Klerikern und Laien. Äußerst ungewöhnlich für eine Frau im Mittelalter waren ihre vier ausgedehnten Predigtreisen (zwischen 1158 und 1171) in Städte wie Köln, Trier, Würzburg und Bamberg. Dort hielt sie auf Marktplätzen und in Kirchen öffentliche Bußpredigten, wandte sich scharf gegen die Korruption des Klerus (Klerikerschelte) und prangerte die Häresie der Katharer an.

Das Interdikt und ihr Vermächtnis Im Jahr 1178, kurz vor ihrem Tod, geriet sie in einen dramatischen Konflikt mit dem Mainzer Domkapitel. Hildegard hatte einen exkommunizierten, aber vor seinem Tod offenbar mit der Kirche versöhnten Adeligen auf dem Klosterfriedhof beerdigen lassen. Da sie sich weigerte, den Leichnam wieder exhumieren zu lassen, verhängten die Prälaten ein Interdikt über den Rupertsberg: Den Nonnen wurden die Sakramente und das Singen des Gotteslobs verboten. In einem meisterhaften Verteidigungsbrief (Ad praelatos Moguntinenses) legte sie ihre Theologie der Musik dar und warnte die Kirchenmänner, dass sie sich selbst der himmlischen Chöre beraubten, wenn sie Gott sein irdisches Lob verweigerten. Der Bann wurde schließlich im März 1179 aufgehoben, wenige Monate bevor Hildegard am 17. September verstarb.

Obwohl sie schon im Mittelalter wie eine Heilige verehrt wurde, scheiterten frühe offizielle Kanonisierungsverfahren im 13. Jahrhundert an formalen Mängeln und Kompetenzstreitigkeiten. Erst Papst Benedikt XVI. schloss 2012 den Prozess offiziell ab, sprach sie für die Weltkirche heilig und erhob Hildegard von Bingen am 7. Oktober 2012 zur Kirchenlehrerin (Doctor Ecclesiae).


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