Das Interdikt (1178--1179)

Der dramatische Konflikt um das Interdikt (1178–1179) stellte Hildegard von Bingen in ihrem letzten Lebensjahr, als sie bereits 80 Jahre alt war, vor eine ihrer schwersten und existenziellsten Prüfungen. Im größeren Kontext ihres Lebens und ihres wegbegleitenden Netzwerks bündeln sich in diesem Ereignis ihr unerschütterliches Gewissen, ihre kirchenpolitische Durchsetzungskraft und ihre tiefgreifende Theologie der Musik.

Die Ursache: Gehorsamsverweigerung aus Gewissensgründen Der Konflikt entzündete sich im Jahr 1178 an der Beerdigung eines ehemals exkommunizierten adligen Ritters auf dem geweihten Friedhof des Klosters Rupertsberg. Das Mainzer Domkapitel, das die Diözese in Abwesenheit des in Italien weilenden Erzbischofs Christian I. verwaltete, forderte die sofortige Exhumierung und Entfernung des Leichnams, da es die vor dem Tod erfolgte Absolution des Mannes nicht anerkannte.

Hildegard weigerte sich vehement, dieser Anweisung Folge zu leisten. Sie berief sich auf eine göttliche Vision und wusste, dass der Mann vor seinem Tod die Beichte abgelegt, die letzte Ölung sowie die Kommunion empfangen hatte und somit mit der Kirche versöhnt war. Getreu ihrer inneren Gewissensüberzeugung, es sei „besser für mich, in die Hände der Menschen zu fallen, als das Gesetz meines Gottes zu verlassen“, machte sie das Grab kurzerhand unkenntlich, indem sie es mit ihrem Äbtissinnenstab segnete, sodass es nicht mehr gefunden werden konnte.

Die Strafe: Das Interdikt und das Verbot der Musik Als Reaktion auf Hildegards Widerstand verhängten die Mainzer Prälaten das Interdikt über das Kloster Rupertsberg. Diese drakonische Kirchenstrafe untersagte den Nonnen den Empfang der Sakramente (wie die Eucharistie) und verbot jegliche öffentliche gottesdienstliche Handlung.

Besonders verheerend für die klösterliche Gemeinschaft war das strikte Gesangs- und Glockenverbot: Das Stundengebet, das absolute Herzstück des benediktinischen Alltags, durfte nur noch bei geschlossenen Türen und in flüsternden, gedämpften Tönen ohne jeglichen Gesang rezitiert werden.

Hildegards Verteidigung: Die Theologie der Musik Hildegard reagierte auf diese lähmende Maßnahme mit einem flammenden Protestschreiben an die Mainzer Prälaten (Ad praelatos Moguntinenses, im Riesenkodex als Brief 23 oder Epistel 47 überliefert), das heute als Meisterwerk der mittelalterlichen Musikästhetik gilt. In diesem Brief erklärte sie den Klerikern, dass das Singen des Gotteslobes kein bloßes Beiwerk, sondern ein unersetzliches Instrument der klösterlichen Formung und Heilsordnung sei.

Sie warnte die Prälaten in scharfem, prophetischem Ton: Wer eine Gemeinschaft ungerechtfertigt des Gesangs beraube und Gott sein rechtmäßiges Lob auf Erden verweigere, der laufe Gefahr, im Jenseits selbst vom Lobgesang der Engel ausgeschlossen zu werden. Sie entlarvte das Interdikt sogar als Werk des Teufels, der die himmlische Harmonie des Gesangs hasse, weil diese die Menschen an den unschuldigen Zustand Adams vor dem Sündenfall erinnere.

Die Lösung durch kirchenpolitische Netzwerke Um die Aufhebung der Strafe zu erzwingen, nutzte Hildegard ein letztes Mal geschickt ihr weitreichendes diplomatisches Netzwerk. Sie reiste selbst nach Mainz, wurde dort jedoch abgewiesen. Daraufhin wandte sie sich brieflich direkt an den Mainzer Erzbischof Christian von Buch. Die entscheidende Hilfe kam schließlich durch ihren treuen Wegbegleiter, den Erzbischof von Köln. Dieser erschien mit Zeugen (darunter ein Ritter und der absovierende Priester selbst) in Mainz, welche die rechtskräftige Lossprechung des verstorbenen Ritters zweifelsfrei beweisen konnten.

Im März oder April 1179 – nur wenige Monate vor Hildegards Tod am 17. September 1179 – gaben die Mainzer Prälaten schließlich nach und hoben das Interdikt auf, sodass die Glocken auf dem Rupertsberg wieder läuten durften und der liturgische Gesang zurückkehrte.

Im größeren Kontext Hildegards zeigt das Interdikt sie als furchtlose Äbtissin, die bereit war, sich für die seelsorgerische Unversehrtheit ihrer Mitschwestern selbst mit der höchsten kirchlichen Hierarchie anzulegen. Es war der letzte große theologische Widerstand einer Frau, die ihre visionäre Autorität nutzte, um sich unerbittlich gegen patriarchalen Formalismus zu stellen, wenn dieser im Widerspruch zur göttlichen Barmherzigkeit und der kosmischen Harmonie stand.


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