Der Brief Ad praelatos Moguntinenses (oft auch als Brief 23 oder Epistola 47 bezeichnet) ist Hildegards monumentales Protestschreiben an das Mainzer Domkapitel und gilt heute als ein Meisterwerk der mittelalterlichen Musikästhetik. Er entstand im direkten Kontext des Interdikts (1178–1179), das über ihr Kloster Rupertsberg verhängt worden war, weil sie sich weigerte, einen ehemals exkommunizierten, aber vor seinem Tod rechtmäßig absolvierten Adligen zu exhumieren.
Protest gegen das Gesangsverbot durch göttliche Vision Während das Interdikt auch den Empfang der Sakramente untersagte, wehrt sich Hildegard in diesem Brief primär gegen das strikte Verbot des liturgischen Gesangs. Die Schwestern wurden gezwungen, das Stundengebet ohne Musik bei geschlossenen Türen nur noch flüsternd zu lesen, was Hildegard und ihren Konvent in tiefe Traurigkeit stürzte. In ihrem Brief rechtfertigt sie ihr Schreiben damit, dass eine Vision des "lebendigen Lichts" sie zwingend dazu gedrängt habe, das Mainzer Domkapitel auf seinen Irrtum aufmerksam zu machen.
Die theologische Funktion der Musik und der Sündenfall Adams Hildegard legt in dem Brief dar, dass Musik kein bloßes ästhetisches Beiwerk, sondern ein unverzichtbares Instrument der Heilsordnung und der spirituellen Formung ist. Sie erklärt, dass Adam vor dem Sündenfall eine Stimme von vollkommener Harmonie besaß und sich im Einklang mit dem Lobgesang der Engel befand. Durch seinen Ungehorsam verlor er diese musikalische Gabe und vergaß die himmlische Heimat. Der von Propheten wie König David inspirierte liturgische Gesang dient laut Hildegard dem Zweck, den Menschen an diese verlorene himmlische Harmonie zu erinnern, die Seele zu erziehen und sie auf Gott auszurichten.
Das Interdikt als Werk des Teufels Hildegard geht in ihrer Argumentation so weit, die Sanktionen als Einflüsterung des Teufels zu deuten. Da der Teufel wisse, dass die Musik die Seele an das himmlische Vaterland erinnere, sei er in Schrecken geraten und versuche seitdem, die göttliche Lobpreisung der Kirche zu zerstören. Dies tue er durch Zwietracht, Skandale oder durch ungerechte Unterdrückung und Verbote – wie das Mainzer Interdikt.
Prophetische Warnung an die Prälaten Der Brief schließt mit einer unmissverständlichen, scharfen Warnung an die geistliche Obrigkeit. Hildegard warnt die Prälaten, dass jene, die eine Gemeinde ohne triftigen Grund des Gesangs berauben und Gott sein rechtmäßiges Lob auf Erden verweigern, im Jenseits selbst vom Lobgesang der Engel ausgeschlossen werden, sofern sie keine Buße leisten. Sie ermahnt die Kleriker eindringlich, ihre Urteile nicht von "Unwillen, unrechter Gemütsregung oder Rachegelüsten", sondern allein vom Eifer der Gerechtigkeit Gottes leiten zu lassen. Zudem erinnert sie diejenigen, welche die "Schlüssel des Himmels" innehaben, an ihre immense Verantwortung: Sie sollen sich davor hüten, das zu öffnen, was geschlossen bleiben sollte, und das zu schließen, was geöffnet sein müsste, da ihnen sonst ein sehr hartes Urteil Gottes drohe.