Die Aufhebung des Interdikts im Frühjahr 1179 markiert den erfolgreichen Abschluss des letzten und vielleicht schwersten kirchenpolitischen Kampfes der fast 81-jährigen Hildegard von Bingen. Eingebettet in den größeren Konflikt um die Beerdigung eines exkommunizierten, aber vor seinem Tod rechtmäßig absolvierten Ritters, zeigt diese Episode, wie Hildegard theologische Überzeugung mit strategischem diplomatischem Handeln verband.
Der diplomatische Befreiungsschlag Nachdem die Mainzer Prälaten das Kloster Rupertsberg mit dem Interdikt belegt hatten – was den schmerzhaften Entzug der Sakramente und ein striktes Gesangs- und Glockenverbot bedeutete –, kämpfte Hildegard mit allen Mitteln gegen diese Ungerechtigkeit an. Als sie bei einer persönlichen Reise nach Mainz abgewiesen wurde, nutzte sie ihr weitreichendes kirchenpolitisches Netzwerk. Sie wandte sich brieflich an den Mainzer Erzbischof Christian von Buch, der sich zu dieser Zeit im Auftrag von Kaiser Friedrich Barbarossa in Italien aufhielt.
Die entscheidende Wende brachte jedoch ein anderer hochrangiger Verbündeter: Der Kölner Erzbischof reiste als Hildegards treuer Freund nach Mainz und brachte die nötigen Entlastungszeugen mit. In seiner Begleitung befanden sich ein Ritter sowie genau jener Priester, der den verstorbenen Edelmann vor seinem Tod die Beichte abgenommen und ihn vom Bann gelöst hatte. Durch diese Aussagen konnte die unschuldige und rechtmäßige Handlungsweise Hildegards zweifelsfrei bewiesen werden.
Die Rückkehr der Musik und Hildegards Lebensende Obwohl es noch einiges Hin und Her mit dem in Italien weilenden Mainzer Erzbischof gab, wurden die Mainzer Prälaten durch diese Beweislage schließlich zum Nachgeben gezwungen, und das Interdikt wurde im März oder April 1179 offiziell aufgehoben.
Für Hildegard und ihren Konvent bedeutete dies eine enorme Erleichterung und die Rückkehr zu ihrer benediktinischen Spiritualität. Nach Monaten der Stille durften die Glocken des Klosters wieder zum Gottesdienst rufen, und der feierliche Gesang, den Hildegard als essenzielle Verbindung zur himmlischen Harmonie verstand, erklang wieder auf dem Rupertsberg.
Hildegard konnte die letzten sechs Monate ihres Lebens in relativem Frieden verbringen, bevor sie kurz darauf am 17. September 1179 im Alter von 81 Jahren in ihrem Kloster starb. Im größeren Kontext des Interdikts beweist diese Aufhebung kurz vor ihrem Tod Hildegards enorme Beharrlichkeit. Sie demonstriert, dass sie nicht nur theologische Traktate verfasste, sondern bereit und mächtig genug war, sich selbst im höchsten Alter erfolgreich gegen die starren Anordnungen der kirchlichen Hierarchie durchzusetzen, um die spirituelle Integrität und den liturgischen Gesang ihrer Gemeinschaft zu schützen.