Die fünf romanischen Arkadenbögen bilden die letzten verbliebenen oberirdischen Zeugnisse der hochmittelalterlichen Baustruktur der ehemaligen Klosterkirche auf dem Rupertsberg. Im größeren Kontext der heutigen Befunde und der architektonischen Rekonstruktion nehmen sie eine doppelte Schlüsselrolle ein: Einerseits dienen sie als wichtigster baulicher Ankerpunkt für die Erforschung der Anlage, andererseits sind sie heute das Herzstück der musealen Präsentation in der „Villa am Rupertsberg“.
Das Überleben der Arkadenbögen Dass von der gewaltigen, um 1152 konsekrierten Basilika überhaupt noch etwas erhalten ist, verdankt sich einem historischen Zufall. Als in den Jahren 1857/1858 der Felssporn für den Bau der Nahetal-Eisenbahn rigoros weggesprengt und der Chorraum samt der historischen Krypta vernichtet wurde, blieben lediglich jene Teile der Architektur verschont, die etwas weiter westlich standen. Diese fünf Arkadenbögen der südlichen Hochschiffwand waren zu diesem Zeitpunkt bereits in ein jüngeres Wohn- und Geschäftsgebäude integriert worden. Dieser Bau wurde zunächst als Gasthof „Zum Rupertsberg“ errichtet und ist in der bauhistorischen Forschung als das Hertersche oder heutige Würthsche Haus (Am Rupertsberg 16) bekannt.
Bedeutung für die architektonische Rekonstruktion Für die moderne Rekonstruktion der Klosteranlage (insbesondere durch Gerhard Roese) bilden diese Bögen den essenziellen, realen Bezugspunkt:
- Fotogrammetrische Vermessung: Im Jahr 1998 ließ das Landesamt für Denkmalpflege exakte fotogrammetrische Bauaufnahmen dieser Mauerreste im Inneren des Gebäudes anfertigen. - Ausrichtung der Gesamtanlage: Indem diese exakten Befunde der fünf Arkadenbögen in den theoretischen Querschnitt der neunschiffigen Basilika eingesetzt und mit historischen Grundrissen (wie dem Herterschen Plan von 1819) sowie Ansichten überlagert wurden, ließ sich die Position der gesamten, heute zerstörten Kirche im modernen Straßenbild exakt verorten. - Das Chorschrankenportal in situ: Dieser rechnerische Abgleich der Bögen brachte einen weiteren bedeutenden Befund: Er bewies, dass ein im selben Haus erhaltenes spätgotisches Chorschrankenportal nicht (wie theoretisch möglich) von anderswo als Spolie dorthin versetzt wurde, sondern noch exakt an seinem ursprünglichen Platz (in situ) steht und den historischen Durchgang in den Damenchor markiert. - Widerlegung von Mythen: Durch die Lage der Arkaden und die daraus abgeleitete Höhe des historischen Kirchenfußbodens konnte auch baulogisch bewiesen werden, dass ein unterirdisches Weingewölbe (der fälschlich sogenannte "Hildegard-Keller") unmöglich Teil der mittelalterlichen Anlage sein konnte, da dessen Decke den alten Kirchenboden um einen Meter durchbrochen hätte.
Die „Villa am Rupertsberg“ als heutiger Präsentationsort Um diese entscheidenden Baureste der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen, wurde im Mai 2023 die „Villa am Rupertsberg“ eröffnet. Die Stadt Bingen hat die entsprechenden Räumlichkeiten gemietet und betreibt sie als Außenstelle des Museums am Strom.
In dieser Einrichtung treffen die spärlichen physischen Überreste direkt auf die Ergebnisse der architektonischen Rekonstruktion:
- Besucher können in den Räumlichkeiten die fünf romanischen Arkadenbögen sowie ergänzende Informationstafeln betrachten, welche die Geschichte des Ortes von den Römern über die Gründung durch Hildegard und die Zerstörung 1632 bis in die Gegenwart nachzeichnen. - Um die enorme Lücke zwischen den wenigen Mauerresten und der einstigen Monumentalität des Klosters zu schließen, wurde als Highlight die multimediale Station „Fahrstuhl in die Vergangenheit“ installiert. Diese gebührenpflichtige Virtual-Reality-Anwendung nutzt die wissenschaftlichen Rekonstruktionsdaten, um die Besucher auf eine virtuelle Zeitreise zu schicken, bei der das Kloster in seiner historischen, intakten Form scheinbar wiederaufersteht.