Heutige Befunde & Rekonstruktion

Nach der katastrophalen Zerstörungsgeschichte des Klosters Rupertsberg – gipfelnd in den rücksichtslosen Kellerausschachtungen 1851 und den verheerenden Felssprengungen für den Eisenbahnbau 1857/1858 – ist die ursprüngliche Architektur heute fast vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Im großen Kontext der architektonischen Rekonstruktion der Anlage (insbesondere durch Gerhard Roese) bilden die wenigen noch erhaltenen heutigen Befunde gemeinsam mit modernen Vermessungsmethoden und historischen Ansichten das entscheidende Fundament, um die Anlage virtuell und museal wiederaufstehen zu lassen.

Die fünf romanischen Arkadenbögen und das Chorschrankenportal Von der imposanten hochmittelalterlichen Baustruktur der ehemaligen Klosterkirche sind heute lediglich fünf romanische Arkadenbögen der südlichen Hochschiffwand erhalten geblieben. Diese überdauerten die Sprengungen im 19. Jahrhundert nur deshalb, weil sie nicht auf dem weggesprengten Felssporn zur Nahe hin standen und baulich in ein neu errichtetes Gebäude – den damaligen Gasthof „Zum Rupertsberg“ (das spätere Hertersche und heutige Würthsche Haus, Rupertsberg 16) – integriert wurden.

Neben den Arkadenbögen hat sich in diesem Gebäude auch das spätgotische Chorschrankenportal (aus dem späten 15. Jahrhundert) erhalten. Bei der architektonischen Rekonstruktion zeigte der Abgleich mit den historischen Grundrissen, dass dieses Portal nicht etwa von anderswo hierher versetzt wurde, sondern noch exakt in situ (an seinem ursprünglichen Platz) steht. Es markiert den südlichen Durchgang der einstigen westlichen Chorschranke zum Damenchor der Nonnen.

Korrektur eines historischen Irrtums: Der barocke „Hildegard-Keller“ Ein lange Zeit kursierender Mythos besagte, dass ein noch heute vorhandenes unterirdisches Weingewölbe (das "Rupertsberger Gewölbe", in dem heute die Rupertsberger Hildegard-Gesellschaft Bingen e.V. ihren Sitz hat) ein authentischer klösterlicher Keller aus Hildegards Gründungszeit sei. Bauhistorische Untersuchungen durch die Kunsthistorikerin Tina Schöbel im Jahr 2016 konnten dies jedoch zweifelsfrei widerlegen: Es handelt sich bei dem Gewölbe um einen barocken Neubau aus dem 18. Jahrhundert. Auch baulogische Analysen im Rahmen der Rekonstruktion bestätigen dies: Da die Decke des alten Kellers des 19. Jahrhunderts den ehemaligen Kirchenfußboden um gut einen Meter nach oben durchbrach, scheidet eine bauliche Verbindung mit der mittelalterlichen Hildegards-Gruft (Krypta) an dieser Stelle definitiv aus.

Methodik der architektonischen Rekonstruktion Da die physischen Befunde so spärlich sind, stützt sich die Rekonstruktion stark auf eine Kombination aus alter Dokumentation und modernen Techniken:

- Fotogrammetrische Bauaufnahmen: Im Jahr 1998 ließ das Landesamt für Denkmalpflege fotogrammetrische Aufnahmen des Würthschen Hauses anfertigen, wodurch die genaue Position der Hochschiffwand und des Portals erfasst werden konnte. - Historische Pläne und Luftbilder: Um die Lage zerstörter Profanbauten (wie die des Kelterhauses oder der separaten Nikolauskapelle) zu ermitteln, wurden historische Aquarelle (z.B. von Ackermann oder Schütz um 1790) mit dem genauen Grundstücksplan von Franz Herter (1819) und topografischen Luftbildern (etwa von 1957) überlagert. Das Luftbild von 1957 belegt deutlich, dass der ehemalige Klosterbezirk heute fast gänzlich von modernen Gebäuden in abweichender Nord-Süd-Ausrichtung überlagert ist.

Heutige Präsentation: Die Villa am Rupertsberg Die Früchte dieser Befundsicherung und Rekonstruktion sind heute museal erlebbar gemacht worden. Die im Würthschen Haus erhaltenen Arkadenbögen sind seit Mai 2023 im Rahmen der Außenstelle „Villa am Rupertsberg“ (betrieben vom Museum am Strom) öffentlich zugänglich. Um die große Lücke zwischen den wenigen Ruinenresten und der einstigen Größe des Klosters zu schließen, wurde dort ein multimedialer „Fahrstuhl in die Vergangenheit“ installiert. Diese Station ermöglicht den Besuchern eine virtuelle Zeitreise, in der die architektonisch rekonstruierte Gestalt des Klosters auf Basis all dieser Forschungsdaten wieder lebendig wird.


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