Da von der Architektur des Klosters Rupertsberg heute oberirdisch fast nichts mehr erhalten ist (abgesehen von den fünf romanischen Arkadenbögen und dem Chorschrankenportal im heutigen Würthschen Haus), stützt sich die wissenschaftliche Rekonstruktion maßgeblich auf die kritische Analyse und räumliche Verschneidung historischer Text-, Plan- und Bildquellen. Im Zusammenspiel mit modernen Vermessungsdaten bilden die von Ihnen genannten Quellen das unverzichtbare Fundament für das Rekonstruktionsmodell von Gerhard Roese.
Der Rupertsberger Riesencodex (um 1180/1190) Während dieser 15 Kilogramm schwere Pergamentcodex in erster Linie die theologische, musikalische und medizinische Gesamtausgabe von Hildegards Werken darstellt, liefert er für die architektonische Rekonstruktion ein entscheidendes topografisches Puzzleteil. Auf Blatt 1r des Codex befindet sich eine alte handschriftliche Notiz, die besagt, dass sich ein „gewölb, welches im Chor ohnfer zwanzig schritt vom hohen Altar gewesen ist“ befand. Mit diesen rund 12 Metern Abstand westlich der Apsis konnte die historische Hildegardisgruft (in der neben Hildegard auch Rupertus und Berta lagen) bei der Rekonstruktion exakt im Zentrum des Damenchores verortet werden.
Der Kupferstich von Daniel Meisner (um 1620/1630) Dieser aus dem Thesaurus Politicus stammende Stich ist von immensem Wert, da er das Klosterareal kurz vor seiner Zerstörung durch die schwedischen Truppen (1632) als noch intaktes architektonisches Ensemble zeigt. Für die Rekonstruktion der Befestigungsanlagen liefert er wichtige Details: Er zeigt beispielsweise Mauerzinnen an der flussseitigen Klostermauer (was die Annahme eines Wehrerker-Vorbaus stützt) und dokumentiert einen der Klausur östlich vorgelagerten Hof, der als unbezinnter Zwinger fungierte. Der Stich verlangt jedoch kritische Quellenprüfung: Meisner zeichnete die externe Nikolauskapelle fälschlicherweise fest in den klösterlichen Mauerverband ein – ein Irrtum, den die Rekonstruktion durch baulogische Analysen widerlegen konnte.
Die Pläne und Zeichnungen von Pater Otto (1779) Pater Otto überlieferte eine detailreiche Ansicht der Ruine aus westlicher Perspektive, die das Verständnis der Wirtschaftsgebäude und des Klausur-Ostflügels (Dormentbau) revolutionierte.
- Identifikation der Ruinen: Er beschriftete die verbliebenen baulichen Strukturen exakt und identifizierte die Reste des Westflügels als „Hofhaus“, „Capelle“ sowie „Kelterhaus und Keller“ und markierte den Schuttberg des eingestürzten Refektoriums (Speisesaal) im Süden. - Baulogische Klärungen: Pater Otto zeichnete zudem Details wie zugemauerte Arkaden, Reste von Sohlbänken und Fenstergewänden am Ostflügel auf. Durch diese Details konnte Roese nachweisen, dass eine bei einem anderen Künstler (Ackermann) rätselhaft erscheinende Arkadenmauer kein durchfensterter Kreuzgang war, sondern die westliche Traufseite des Dormentbaus mit zugemauerten Türen.
Der Grundstücksplan von Franz Herter (1819) Dieser Plan gehört zu den aussagekräftigsten Quellen für die Topografie der Anlage. Nachdem Franz Herter das Areal gekauft hatte, ließ er den Bestand detailgenau in „Ruten und Fuß“ (einem alten Flächenmaß) vermessen und verzeichnete Gebäude, Mauern, Wege und landwirtschaftliche Nutzflächen („Haus, Stallung, Weinberg, Hof und Garten“) in unterschiedlichen Farben.
- Dokumentation der Umnutzung: Herter dokumentierte, dass Teile der alten Klausur im 19. Jahrhundert weltlich umgenutzt wurden, indem er das ehemalige Kelterhaus als „Zollamt, resp. Jetziger Beamtenbau“ beschriftete. - Detailbefunde: Sein Plan belegt bauliche Besonderheiten wie eine Außentreppe an der nachträglich eingebauten Marienkapelle, einen Brunnen in der Nähe der ehemaligen Küche und ein Gärtchen im Nordost-Eingangsbereich (dem vermuteten Patersgarten).
Synthese im Kontext der heutigen Befunde Das wissenschaftliche Rekonstruktionsmodell von Gerhard Roese konnte nur dadurch entstehen, dass diese historischen Quellen mit modernen Techniken verknüpft wurden. Roese nahm die fotogrammetrischen Bauaufnahmen der fünf heute noch erhaltenen romanischen Arkadenbögen und projizierte diesen exakten Querschnitt in den detaillierten Grundriss von Herter (1819). Anschließend überlagerte er dieses Konstrukt mit den visuellen Informationen von Pater Otto (1779), Meisner (1620) und topografischen Luftbildern (z.B. von 1957). Erst durch diese interdisziplinäre Kreuzpeilung der Quellen mit dem realen baulichen Befund ließ sich das im 19. Jahrhundert weggesprengte Klosterareal maßstabsgetreu und verortungssicher aus dem modernen Straßenbild von Bingerbrück herausrekonstruieren.