Im Verteidigungs- und Außenanlagenkonzept des Klosters Rupertsberg handelte es sich bei der sogenannten „Kanzel“um einen markanten Turm, der an einer Abknickstelle der westlichen Klostermauer am sogenannten Wallweg stand.
Fortifikatorische Funktion und Architektur Die bauhistorische Rekonstruktion ordnet diesen Turm im Kontext der Außenbefestigung als eine nachträgliche fortifikatorische Maßnahme ein. Ein wesentliches Indiz dafür ist, dass der Turm offenbar nur vor die Mauer gesetzt wurde und baulich nicht organisch in den rückwärtigen Mauerverband der Ringmauer eingebunden war. Im Fuß des Bauwerks befanden sich eine rund- oder spitzbogige Türöffnung sowie die Überreste einer steinernen Spindeltreppe. Der Zugang zu diesem Turm öffnete sich aller Wahrscheinlichkeit nach zum inneren Klosterhof hin, um den Wallweg nicht zu blockieren. Flankiert wurde der Turm in der Mauer durch ein Tor auf der westlichen Seite und einen statisch stützenden gotischen Strebepfeiler auf der östlichen Seite.
Herkunft des Namens „Kanzel“ Die Bezeichnung als „Kanzel“ stammt nicht aus der romanischen Gründungszeit, sondern aus dem Volksmund des späteren 19. Jahrhunderts. Der Historiker Peter Bruder hielt im Jahr 1882 fest, dass dieser Turmstumpf in der Nähe des nördlichen Seitenschiffs der Kirche an Wallfahrtstagen als erhöhter Predigtort (Kanzel) gedient haben soll. Von diesem turmartigen Ausguck herab hätten Prediger das Wort Gottes zu den Pilgern gesprochen, die sich davor versammelt hatten.
Bildliche Überlieferung Die Existenz, Position und das Aussehen dieses Bauwerks sind vor allem durch ein farbiges Aquarell des Malers Caspar Schneider (um 1790) überliefert. Auf dieser Ansicht der Klosterruine ist der Turm mitsamt den Spuren seiner Spindeltreppe, der nicht eingebundenen Rückmauer und der benachbarten Strukturen deutlich zu erkennen. Im Gesamtbild der Anlage unterstreicht dieser Turm neben den gotischen Strebepfeilern und weiteren Wehranlagen den stark befestigten und schützenden Charakter der äußeren Ringmauer des Klosters.