Bauphasen & Zerstörung

Die Architekturgeschichte des Klosters Rupertsberg ist maßgeblich durch zwei große Epochen geprägt: die bauliche Entstehung und Weiterentwicklung im Hoch- und Spätmittelalter (Bauphasen) sowie die schrittweise, radikale Vernichtung der Anlage von der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert (Zerstörung).

Die Bauphasen: Romanischer Ursprung und gotische Anpassungen Die Entstehung des Klosters war eng mit dem Emanzipationsbestreben Hildegards von Bingen verbunden.

- Romanische Gründung (1147–1152): Zwischen 1147 und 1151 verließ Hildegard das Kloster Disibodenberg, um an der Nahemündung eine eigene Anlage zu gründen. Als Standort diente ein Hügel, der laut Hildegards Heiligenlegende die Grabstätte des heiligen Rupertus barg. Das architektonische Zentrum bildete die rund 30 Meter lange, dreischiffige romanische Basilika, die 1152 durch den Mainzer Erzbischof Heinrich I. feierlich konsekriert wurde. - Spätgotische Gotisierung (spätes 15. Jahrhundert): Im Rahmen der Bemühungen um Hildegards Heiligsprechung erfuhr die Bestandsarchitektur im ausgehenden Mittelalter gezielte Umbauten. Um 1489 und 1498 ließen Mainzer Kleriker wie Bernhard von Breidenbach und Wolf von Bicken Hildegards Gebeine feierlich erheben und für sie im Zentrum des Damenchors eine neue Gruft anlegen. In diesem Zuge wurde anstelle eines romanischen Vorgängers ein spätgotisches Chorschrankenportal eingebaut. Auch die Fenster der Apsis, die ursprünglich romanische Rundbögen besaßen, erhielten durch aufgesetzte Spitzbögen eine nachträgliche Gotisierung. Diese Anpassungen modernisierten die Architektur, ohne die Grundstruktur der Gründerin vollends zu zerstören.

Die Zerstörung: Ein mehrstufiger Untergang Das Ende der intakten Klosteranlage war kein singuläres Ereignis, sondern vollzog sich in mehreren drastischen Phasen über Jahrhunderte hinweg:

- Der schwedische Brand (1632): Den entscheidenden Wendepunkt brachte der Dreißigjährige Krieg. Im April 1632 besetzten schwedische Truppen unter König Gustav Adolf das Klosterareal. Nach der systematischen Plünderung wurde das Kloster auf Befehl des Wachtmeisters Alexander Hanna in Brand gesteckt. Die Klosterkirche und der Konventkomplex brannten vollständig aus und verloren ihre Dächer und Gewölbe. Die verbliebenen Nonnen retteten lediglich den Riesencodex und Reliquien und siedelten dauerhaft in das Kloster Eibingen über. - Nutzung als Steinbruch und Säkularisation: Da die Mittel für einen Wiederaufbau fehlten, verfiel die Anlage und diente fortan als Steinbruch zur Errichtung von Wirtschaftsgebäuden. Im Zuge der Säkularisation (1803–1819) wurde das ruinöse Areal schließlich versteigert und der Abbruch der noch aufstehenden Mauern beschleunigte sich durch Überbauung. - Vernichtung der Gräber (1851): Einen katastrophalen Eingriff in die verbliebene archäologische Substanz stellte das Jahr 1851 dar. Für den Bau des Gasthofs „Zum Rupertsberg“ wurden tiefe Kellerräume direkt in das ehemalige Haupt- und südliche Seitenschiff der Kirchenruine vorgetrieben. Bei dieser rücksichtslosen Ausschachtung stieß man auf die historischen Begräbnisstätten der Nonnen, zerstörte diese und hob die Skelette mitsamt den Totenkränzen einfach aus. - Die Sprengung für die Eisenbahn (1857/1858): Den endgültigen baulichen Todesstoß erfuhr der Rupertsberg durch den Bau der Nahetal-Eisenbahn. Um Platz für die Gleistrasse zu schaffen, wurde der Felssporn zur Nahe hin rigoros weggesprengt. Diese Sprengung vernichtete die letzten sichtbaren Fundamente des Chores, der Apsis, der Türme und auch die historische Grabkrypta unter dem Altarraum restlos.

Durch diese beispiellose Zerstörungsgeschichte sind von der ehemals imposanten Klosterarchitektur lediglich fünf romanische Arkadenbögen der Kirchenwand erhalten geblieben, die heute verborgen in ein späteres Wohn- und Geschäftsgebäude (das Würthsche Haus) integriert sind.


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