Gerhard Roese: Wissenschaftliches Rekonstruktionsmodell

Gerhard Roeses wissenschaftliches Rekonstruktionsmodell bildet das zentrale Bindeglied, um die in der Neuzeit fast vollständig vernichtete Architektur des Klosters Rupertsberg auf Basis der spärlichen heutigen Befunde wieder erfahrbar zu machen. Im Kontext der Rekonstruktion fungiert Roeses Arbeit als präzise Synthese aus archäologischen Resten, historischen Plänen und moderner Vermessungstechnik.

Methodik: Die Verknüpfung heutiger Befunde mit historischen Quellen Da oberirdisch fast nichts von der Anlage erhalten blieb, stützte sich Roese bei seiner 1998 begonnenen und 2013 stark überarbeiteten Rekonstruktion auf eine Kombination aus neuesten Messdaten und historischer Dokumentation. Der wichtigste reale Ankerpunkt für sein Modell sind die fünf erhaltenen romanischen Arkadenbögen der südlichen Hochschiffwand, die in ein späteres Wohngebäude (das heutige Würthsche Haus) integriert wurden und so die verheerenden Felssprengungen des 19. Jahrhunderts überstanden.

Roese nutzte fotogrammetrische Bauaufnahmen dieser Mauerreste, die 1998 vom Landesamt für Denkmalpflege angefertigt worden waren. Diese exakten Daten der noch existierenden Bögen projizierte er in einen theoretischen Querschnitt der ehemaligen Basilika. Anschließend überlagerte er diese Struktur mit historischen bildlichen Darstellungen – etwa den Aquarellen von Christian Georg Schütz und J. A. Ackermann (um 1790) – sowie mit dem detaillierten Grundstücksplan des Käufers Franz Herter aus dem Jahr 1819 und topografischen Luftbildern von 1957.

Bauhistorische Erkenntnisse und Korrekturen durch das Modell Durch diese präzise räumliche Verschneidung ließen sich die Position und Dimension der heute zerstörten Kirche sowie ihrer Nebengebäude exakt im modernen Straßenbild verorten. Dabei lieferte Roeses Modell tiefgreifende neue Erkenntnisse zu den heutigen Befunden:

- Das Chorschrankenportal in situ: Der rechnerische Abgleich im Modell bewies, dass ein im selben Haus erhaltenes spätgotisches Portal nicht (wie oftmals bei Spolien üblich) von anderswo dorthin versetzt wurde. Es **steht vielmehr noch exakt an seinem ursprünglichen Platz (\in situ\) und markiert den historischen Durchgang der westlichen Chorschranke zum ehemaligen Damenchor. - Widerlegung des „Hildegard-Keller“-Mythos: Durch die Rekonstruktion des historischen Kirchengrundrisses und der Arkaden konnte Roese die exakte Höhe des damaligen Kirchenfußbodens ermitteln. Dies lieferte den baulogischen Beweis, dass ein noch heute vorhandenes unterirdisches Weingewölbe unmöglich ein authentischer Klosterkeller aus dem Mittelalter sein kann, da die Kellerdecke den historischen Kirchenboden um gut einen Meter nach oben durchbrochen hätte**. Dies stützt die bauhistorischen Untersuchungen der Kunsthistorikerin Tina Schöbel, die das Gewölbe zweifelsfrei als barocken Neubau aus dem 18. Jahrhundert identifizierte.

Museale Präsentation des Modells Die Ergebnisse von Roeses umfassender Forschungsarbeit machen die Dimensionen der zerstörten Abtei heute wieder für die Öffentlichkeit greifbar. Sein physisches Modell der rekonstruierten Klosteranlage ist im „Historischen Museum am Strom“ in Bingen ausgestellt.

Darüber hinaus bilden seine architektonischen Daten die Basis für modernste digitale Vermittlungskonzepte in den direkt an den Befunden gelegenen Räumlichkeiten der Villa am Rupertsberg. Dort ermöglicht eine multimediale Station – der sogenannte „Fahrstuhl in die Vergangenheit“ – den Besuchern eine virtuelle Zeitreise, um die einstige Größe und Gestalt des Klosters visuell zu erleben und die Lücke zwischen den wenigen Mauerresten und der historischen Realität zu schließen.


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