Das Dormitorium (der Dormentbau) bildete den östlichen Flügel der Klausur und stellte den primären Wohn- und Arbeitsbereich des Benediktinerinnenkonvents auf dem Rupertsberg dar. Im topografischen und architektonischen Kontext des tiefer liegenden Innenhofs (Kreuzgang) schloss sich dieser Ostflügel unmittelbar südlich an die Klosterkirche an.
Struktur der Westfassade und die Arbeitszellen Wertvolle Aufschlüsse über die Architektur des Ostflügels liefern historische Abbildungen von J. A. Ackermann (um 1790) und Pater Otto (1779). Sie dokumentieren an der westlichen Traufseite des Gebäudes – also der Wand, die direkt zum Kreuzhof zeigte – eine Reihe bodentiefer Mauerbögen. Während diese auf den ersten Blick wie die Arkaden des Kreuzgangs wirkten, handelte es sich tatsächlich um nachträglich zugemauerte Türen mit Resten kleiner darüberliegender Fenster.
Hinter diesen Türen, im Erdgeschoss unterhalb des eigentlichen Schlafsaals, lassen sich individuelle Zellen rekonstruieren. Es ist höchstwahrscheinlich, dass die Nonnen in diesen Räumlichkeiten handwerklichen und geistigen Tätigkeiten nachgingen, etwa der Anfertigung wertvoller textiler Kunstwerke oder der Arbeit im berühmten klösterlichen Scriptorium (Schreibstube).
Bauliche Verzahnung mit der Klosterkirche Der liturgische Alltag der Nonnen, der streng durch regelmäßige Chorgebete getaktet war, erforderte kurze und witterungsunabhängige Wege zwischen dem Wohnbereich und der Basilika. Die Architektur des Ostflügels bot hierfür zwei wesentliche Verbindungen:
- Der gedeckte Gang: Die Arbeitszellen unter dem Dormitorium waren über den davorliegenden östlichen Kreuzgangflügel durch einen gedeckten Gang direkt mit einem östlichen Seiteneingang des südlichen Seitenschiffs verbunden. Dies garantierte, dass die Nonnen bei jedem Wetter schnell und trockenen Fußes in die Kirche gelangen konnten. - Die Turmtreppe: Historische Baunarben am Südturm der Kirche belegen zudem einen direkten Anschluss des Dormentbaus an den Turm. Eine spitzbogige Türöffnung in der Südseite des Turms führte vom Giebel des Dormitoriums zu einer in der massiven Turmmauer verborgenen Mauertreppe.
Wärmeversorgung durch den Südflügel Der Schlafsaal der Nonnen profitierte baulich auch von der direkten Nachbarschaft zum südlichen Klausurflügel. Die architektonische Rekonstruktion nimmt an, dass die Klosterküche exakt zwischen dem Südgiebel des Dormentbaus und dem Refektorium (Speisesaal) eingepasst war. Diese geschickte Anordnung ermöglichte es nicht nur, das Refektorium auf kurzem Weg mit Speisen zu versorgen, sondern der große Küchenkamin konnte dem angrenzenden Schlaftrakt der Nonnen in der kalten Jahreszeit zugleich etwas Wärme spenden.
Ob sich unter dem Ostflügel auch ein alter Keller befand, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit klären; auf dem detaillierten Grundstücksplan des späteren Käufers Franz Herter aus dem Jahr 1819 finden sich darauf jedenfalls keine Hinweise.