Ausstattung: Schwalbennestorgel & Grabstätten

Im architektonischen und spirituellen Gesamtkontext der dreischiffigen Pfeilerbasilika des Klosters Rupertsberg nahmen die Schwalbennestorgel und die verschiedenen Grabstätten zentrale Rollen ein. Sie prägten nicht nur die Nutzung und Liturgie des Kirchenraums, sondern bestimmten auch markante bauliche Besonderheiten der Architektur.

Die Schwalbennestorgel und die Bauakustik Die musikalische Ausgestaltung der Liturgie, für die Hildegard von Bingen weltberühmt ist, wurde baulich durch eine Orgel unterstützt. Die Forschungen belegen die Existenz einer sogenannten Schwalbennestorgel an der nördlichen Hochschiffwand.

- Standort und Zugang: In den Resten der nördlichen Mauer findet sich etwas oberhalb der Arkadenscheitel eine rundbogige Öffnung. Diese führte vom Dachraum des nördlichen Seitenschiffs, in dem sich sehr wahrscheinlich die Windmaschine der Orgel befand, direkt in das Hauptschiff. Die Öffnung sitzt exakt mittig über der zweiten Arkade von Osten und befand sich somit genau in der Mitte über dem Damenchor, was die idealen akustischen Bedingungen für den Gesang der Nonnen bot. - Erklärung der Fensteranordnung: Die Existenz dieser Orgel liefert eine schlüssige Erklärung für eine architektonische Besonderheit der Basilika, nämlich den unüblichen Versatz zwischen den Fenstern der Seitenschiffe und den Obergadenfenstern des Hauptschiffs. Hätten die Obergadenfenster in derselben Achse wie die unteren Arkaden gelegen, hätte die Orgel direkt vor einem Bleiglasfenster gehangen. Dies hätte nicht nur die wertvolle Verglasung gefährdet, sondern wäre auch akustisch äußerst unvorteilhaft gewesen. Durch den Versatz hing die Orgel stattdessen vor einer massiven Mauerfläche, welche den Klang optimal in den Kirchenraum reflektierte. - In der modernen Rekonstruktion der Kirche wird als maßgleiches Referenzmodell die erhaltene Valeria-Orgel aus dem Jahr 1435 in Sitten (Schweiz) herangezogen.

Die Grabstätten als spirituelles Fundament Als adliges Kloster und Wallfahrtsort war die Basilika ein bedeutender Begräbnisplatz, der sich in drei wesentliche Bereiche gliederte:

- Die Krypta unter der Apsis: Der Ursprung und die Legitimation des Klosters gründeten auf den Reliquien des heiligen Rupertus und seiner Mutter Berta. Diese wurden in einer gewölbten Krypta direkt unterhalb des Altarraums im äußersten Osten der Kirche aufbewahrt. Nach ihrem Tod im Jahr 1179 fand auch Hildegard von Bingen hier ihre erste Ruhestätte. - Hildegards Gruft im Damenchor: Im späten 15. Jahrhundert (1489 und 1498) ließen Mainzer Kleriker, darunter Bernhard von Breidenbach und Wolf von Bicken, Hildegards Grab öffnen und ihre Gebeine feierlich erheben, um ihre Heiligsprechung durch einen lebendigen Kultus voranzutreiben. Für ihre Reliquien wurde eine neue Gruft angelegt, die sich laut einer Notiz im Wiesbadener Riesencodex "ungefähr zwanzig Schritt" (ca. 12 Meter) westlich des Hochaltars befand. Diese Position markiert exakt die Mitte des Damenchors, womit Hildegard auch im Tod wieder buchstäblich im Zentrum ihres Konvents ruhte. - Die Nonnengräber im Kirchenschiff: Die einfachen Ordensfrauen wurden unter dem Fußboden des westlichen Hauptschiffs und des südlichen Seitenschiffs bestattet. Das Schicksal dieser Gräber illustriert die tragische Zerstörungsgeschichte der Anlage: Im Jahr 1851 wurden bei der rücksichtslosen Ausschachtung eines Kellers für den Gasthof „Zum Rupertsberg“ (das spätere Würthsche Haus) diese mittelalterlichen Gräber freigelegt und zerstört. Der Augenzeuge Peter Bruder berichtete 1882, dass an den ausgegrabenen Schädeln noch deutlich die Kopfkränzchen (Totenkränze) erkennbar waren, die den Nonnen mit in den Sarg gegeben wurden. Dieser Kelleraushub bewies zudem baulich, dass sich unter dem westlichen Langhaus niemals eine Krypta befunden haben konnte, da man direkt unter dem alten Kirchenboden auf die Gräber und den Felsen stieß.


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