Klosterkirche (Basilika)

Die Klosterkirche (Pfeilerbasilika) bildete das bauliche und spirituelle Zentrum des um 1150 von Hildegard von Bingen gegründeten Klosters Rupertsberg. Da die Anlage weitgehend zerstört wurde, stützt sich die Rekonstruktion ihrer Architektur maßgeblich auf historische Abbildungen (wie den Kupferstich von Daniel Meissner um 1620 oder Zeichnungen von Christian Georg Schütz und J. A. Ackermann um 1790) sowie auf bauhistorische Untersuchungen der wenigen heute noch in Wohnhäuser integrierten Überreste.

Architektonische Grundstruktur Die 1152 durch Erzbischof Heinrich von Mainz konsekrierte Klosterkirche war eine dreischiffige Pfeilerbasilika ohne Querschiff. Das Gebäude war rund 30 Meter lang; das Hauptschiff maß 7 Meter in der Breite, während die beiden Seitenschiffe jeweils 4,35 Meter breit waren. Die nach Osten zur Nahe ausgerichtete Schauseite (Ostchor) besaß eine halbrunde Hauptapsis mit bekrönendem Giebel, die von zwei massiven Türmen flankiert wurde. Die Apsiden der Seitenschiffe waren in den Untergeschossen dieser Türme untergebracht. Unterhalb des Altarraums befand sich eine gewölbte Krypta, die als Aufbewahrungsort für die Reliquien des heiligen Rupertus und seiner Mutter Berta sowie später als Grabstätte für Hildegard von Bingen diente.

Rekonstruktion des Innenraums und bauakustische Besonderheiten Die detaillierte architektonische Rekonstruktion des Forschers Gerhard Roese geht davon aus, dass das Kirchenschiff insgesamt neun Arkaden (Joche) umfasste. Der Damenchor (Chor der Nonnen) nahm die drei östlichsten Joche zwischen den Türmen und dem Hochaltar ein, um ausreichend Platz für alle Nonnen zu bieten.

Eine bauhistorische Besonderheit der Rekonstruktion ist die Erklärung der unüblichen Fensteranordnung: Der auffällige Versatz zwischen den Fenstern der Seitenschiffe und den Obergadenfenstern des Hauptschiffs ist demnach der Existenz einer Schwalbennestorgel geschuldet. Eine rundbogige Maueröffnung in der nördlichen Wand führte als Zugang in den Dachraum zu dieser Orgel. Hätten die Obergadenfenster in derselben Achse über den Seitenschifffenstern gelegen, hätte die Orgel direkt vor einem Bleiglasfenster gehangen, was akustisch unvorteilhaft gewesen wäre und die Verglasung gefährdet hätte. Die Platzierung der Orgel vor der massiven Wandfläche reflektierte den Klang hingegen optimal ins Kircheninnere.

Spätere „Gotisierung“ Obwohl die Kirche ursprünglich rein romanisch war, weisen die Rekonstruktionen auf spätere gotische Aufwertungen hin. Ackermanns Zeichnung (um 1790) dokumentiert beispielsweise spitzbogige Apsisfenster, was auf eine moderate „Gotisierung“ des Bestands hindeutet.

Das markanteste Zeugnis dieser Bauphase ist ein heute noch in situ erhaltenes spätgotisches Chorschrankenportal. Dessen überproportionale Höhe war vermutlich nötig, damit die Nonnen hinter hochragenden Vortragekreuzen in den Damenchor einziehen konnten. Die am Portal angebrachten Wappen von Bernhard von Breidenbach und Wolf von Bicken weisen darauf hin, dass dieser repräsentative Umbau im späten 15. Jahrhundert (um 1489/1498) erfolgte – genau in jener Zeit, als die Gebeine Hildegards aus der Krypta feierlich erhoben wurden, um ihre Heiligsprechung durch einen lebendigen Kultus voranzutreiben. Hildegards Gruft wird für diese Phase in der Mitte des Damenchors rekonstruiert.

Zerstörung und heutige Überreste Das Ende der intakten Basilika kam 1632, als schwedische Truppen das Kloster plünderten und niederbrannten. Die Kirchenruine mit Apsis, Giebel und Turmstümpfen beeindruckte noch lange das Landschaftsbild und diente als Steinbruch.

Ihre endgültige physische Vernichtung erfolgte im 19. Jahrhundert in zwei Phasen:

- 1851 wurden beim Ausschachten eines Kellers für einen Gasthof unter dem südlichen Seitenschiff und dem Mittelschiff die historischen Nonnengräber mitsamt Totenkränzen rücksichtslos ausgehoben und zerstört. Das Durchbrechen des alten Kirchenfußbodens durch diese Kellerdecke bewies zudem, dass sich unter dem Kirchenschiff selbst nie eine alte Krypta befunden haben konnte. - 1857/1858 wurde der gesamte Felssporn mitsamt der Chorruine, den Türmen und der Krypta weggesprengt, um Platz für die Trasse der Nahetal-Eisenbahn zu schaffen.

Heute zeugen vor Ort nur noch fünf romanische Arkadenbögen der südlichen Hochschiffwand sowie das besagte spätgotische Chorschrankenportal im sogenannten Würthschen Haus von der einstigen Architektur der Basilika.


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