Die Gesellschaft des 12. Jahrhunderts beruhte auf einer festen Ständeordnung. Nach mittelalterlichem Verständnis gliederte sie sich in Wehrstand, Lehrstand und Nährstand, denen jeweils klar definierte Aufgaben zukamen. Auch Frauenklöster waren Teil dieses Gefüges. Sie dienten nicht allein dem religiösen Leben, sondern entwickelten sich vielfach zu wirtschaftlich bedeutenden und gesellschaftlich einflussreichen Einrichtungen. Für Frauen aus adligen Familien eröffneten sie Möglichkeiten, die außerhalb des Klosters nur selten bestanden: eine qualifizierte Bildung, soziale Absicherung und die Übernahme verantwortungsvoller Leitungsaufgaben.
Hildegard von Bingen stellte diese Ordnung grundsätzlich nicht infrage. Sie verstand die gesellschaftlichen Unterschiede ihrer Zeit vielmehr als Ausdruck einer göttlich gewollten Weltordnung und bezog diese Überzeugung sowohl in ihre Schriften als auch in ihre praktische Klosterleitung ein.
Der Rupertsberg als Konvent des Adels Als Hildegard den Rupertsberg gründete, nahm sie zunächst ausschließlich Frauen adliger Herkunft in die Gemeinschaft auf. Diese Entscheidung entsprach ihrer Auffassung, dass die bestehende Ständeordnung auch innerhalb eines Klosters bewahrt werden sollte. Zeitgenossen begegneten dieser Haltung durchaus kritisch. So beanstandeten unter anderem Abt Rudolf von Jakobsberg und die Meisterin Tenxwind von Andernach sowohl die soziale Zusammensetzung des Konvents als auch den festlichen Schmuck und die kostbaren Gewänder, welche die Nonnen an hohen Feiertagen trugen.
Zur Rechtfertigung ihrer Position führte Hildegard theologische Überlegungen an. Nach ihrer Auffassung hatte Gott den Menschen unterschiedliche Aufgaben innerhalb der Gesellschaft zugewiesen, weshalb die bestehenden Standesgrenzen bewahrt werden sollten. Als Bild verwendete sie einen Stall, in dem verschiedene Tierarten nicht wahllos zusammengehalten würden. Ebenso, so ihre Argumentation, kenne auch die göttliche Ordnung Unterschiede innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, ohne damit den Wert des einzelnen Menschen infrage zu stellen.
Adlige Herkunft als Voraussetzung politischen Handelns Die Zugehörigkeit zum niederen Adel verschaffte Hildegard nicht nur Zugang zu Bildung und klösterlicher Ausbildung, sondern auch zu weitreichenden familiären und kirchlichen Beziehungen. Diese erwiesen sich insbesondere während der Auseinandersetzungen um die Gründung des Klosters auf dem Rupertsberg als bedeutsam. Abt Kuno widersetzte sich dem Weggang der Frauengemeinschaft, wobei neben kirchenrechtlichen Fragen auch wirtschaftliche Interessen und der Verlust von Ansehen eine wichtige Rolle spielten.
Hildegard konnte sich schließlich auf einflussreiche Unterstützer stützen. Über Richardis von Stade und deren Familie gelang es ihr, Fürsprecher zu gewinnen, die beim Mainzer Erzbischof vermittelten. Der Erfolg des Rupertsberger Projekts beruhte deshalb nicht allein auf ihrer persönlichen Überzeugungskraft, sondern ebenso auf den sozialen und politischen Verbindungen, die ihr aufgrund ihrer Herkunft zur Verfügung standen.
Die Gründung des Klosters Eibingen Mit der Errichtung des Klosters Eibingen im Jahr 1165 erweiterte Hildegard ihre klösterliche Gemeinschaft. Während der Rupertsberg weiterhin überwiegend Frauen aus adligen Familien vorbehalten blieb, wurden in Eibingen auch Frauen nichtadeliger Herkunft aufgenommen. Damit reagierte sie auf veränderte gesellschaftliche Entwicklungen, ohne die besondere Stellung des Rupertsberger Mutterklosters grundsätzlich zu verändern.