Machtstrukturen des 12. Jahrhunderts

Gesellschaft und Herrschaft im 12. Jahrhundert Die Ordnung des Hochmittelalters beruhte auf einer klar gegliederten Ständegesellschaft, deren Struktur durch den Wehrstand (Adel und Rittertum), den geistlichen Stand (Klerus) sowie den Nährstand (Bauern und andere wirtschaftlich Tätige) bestimmt wurde. Während diese Einteilung als Ausdruck einer von Gott gesetzten Ordnung verstanden wurde, veränderten sich insbesondere innerhalb des Adels die gesellschaftlichen Verhältnisse erheblich. Die Ministerialen, ursprünglich unfreie Dienstleute, gewannen durch militärische und administrative Aufgaben zunehmend an Bedeutung und gingen im Laufe des 12. Jahrhunderts mit dem älteren Adel in einem gemeinsamen Ritterstand auf.

Frauen verfügten innerhalb dieser Gesellschaft nur über eingeschränkte rechtliche Handlungsmöglichkeiten und standen im Regelfall unter der Vormundschaft männlicher Familienangehöriger. Für Töchter des Adels bestanden die üblichen Lebenswege in einer standesgemäßen Heirat oder im Eintritt in ein Kloster. Frauenklöster nahmen dabei eine besondere Stellung ein. Sie waren nicht nur religiöse Gemeinschaften, sondern zugleich wirtschaftliche und kulturelle Zentren, in denen Frauen Leitungsaufgaben übernehmen, Bildung erwerben und innerhalb klar definierter Grenzen eigenständig handeln konnten.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die Herkunft Hildegards von Bingen besser einordnen. Ihre Familie war in den aufstrebenden ritterlichen Dienstadel eingebunden und verfügte über enge Verbindungen zu bedeutenden kirchlichen Einrichtungen.

Verbindungen zu den Zentren der Reichskirche Die Bermersheimer standen im Lehnsverband der Grafen von Sponheim und gehörten damit zu einem regional gut vernetzten Adelskreis. Mehrere Angehörige der Familie übernahmen kirchliche Ämter in wichtigen Zentren des Reiches:

- Ihr Bruder Hugo wirkte als Domkantor in Mainz und übernahm später vermutlich Aufgaben als Prior im Kloster Rupertsberg. - Ihr Bruder Rorich war Kanoniker am Stift Tholey. - Arnold I., ein Neffe oder Cousin Hildegards, wurde Erzbischof von Trier. - Wezelin bekleidete das Amt des Propstes von St. Andreas in Köln.

Diese familiären Beziehungen verschafften Hildegard Zugang zu einem weitreichenden kirchlichen Umfeld. Die Verankerung ihrer Familie in den Domkapiteln und Stiften des Rheinlands erleichterte den Austausch mit kirchlichen Entscheidungsträgern und unterstützte die Verbreitung ihrer Schriften und Anliegen.

Der Weg zur Eigenständigkeit des Rupertsbergs Welche Bedeutung diese Verbindungen besitzen konnten, zeigte sich während der Gründung des Klosters auf dem Rupertsberg. Als Abt Kuno den Auszug der Frauengemeinschaft verweigerte, begründete Hildegard ihr Vorhaben sowohl religiös als auch mit dem Anspruch auf ein eigenständiges klösterliches Leben. Gleichzeitig erhielt sie Unterstützung aus ihrem adligen und kirchlichen Umfeld. Über Richardis von Stade und deren Familie gelangten ihre Anliegen an den Mainzer Erzbischof, dessen Zustimmung schließlich die Übersiedlung der Gemeinschaft ermöglichte.

Wirken im öffentlichen Leben Obwohl Frauen nach dem kirchlichen Selbstverständnis ihrer Zeit nur eingeschränkt öffentlich lehren oder predigen sollten, gewann Hildegard eine außergewöhnliche Autorität. Sie unternahm mehrere Predigtreisen und führte einen umfangreichen Briefwechsel mit Päpsten, Bischöfen, Äbten sowie weltlichen Herrschern wie König Konrad III. und Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihre Schreiben dienten nicht allein dem persönlichen Austausch, sondern griffen häufig aktuelle kirchliche und politische Fragen auf. Auch im hohen Alter verteidigte sie ihre Überzeugungen konsequent, etwa während des Konflikts mit dem Mainzer Erzbischof um das Interdikt gegen den Rupertsberg.

Hildegards Verständnis der gesellschaftlichen Ordnung Trotz ihrer deutlichen Kritik an Missständen innerhalb der Kirche hielt Hildegard grundsätzlich an der bestehenden Ständeordnung fest. Sie verstand die gesellschaftlichen Unterschiede als Teil der göttlichen Schöpfungsordnung und übertrug dieses Verständnis auch auf das Leben ihrer Klostergemeinschaft. Deshalb nahm sie auf dem Rupertsberg zunächst ausschließlich Frauen adliger Herkunft auf. Erst mit der Gründung des Klosters Eibingen im Jahr 1165 öffnete sie dieses Tochterkloster auch Frauen anderer sozialer Herkunft, während der Rupertsberg weiterhin dem Adel vorbehalten blieb.

Hildegards außergewöhnliche Stellung innerhalb der Kirche beruhte somit auf mehreren Faktoren. Ihre geistliche Begabung und ihre theologischen Schriften bildeten die Grundlage ihres Ansehens. Ebenso bedeutsam waren jedoch ihre Herkunft aus dem rheinischen Dienstadel, ihre gute Ausbildung sowie die engen Beziehungen ihrer Familie zu den kirchlichen Zentren des Reiches, die ihr in entscheidenden Situationen Rückhalt und Handlungsspielräume eröffneten.


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