Wer Hildegard von Bingen verstehen möchte, muss auch ihre Herkunft verstehen. Ihre außergewöhnliche Lebensleistung entstand nicht losgelöst von ihrer Zeit, sondern innerhalb der gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Strukturen des Hochmittelalters. Familie, Stand, Besitz und persönliche Beziehungen bestimmten damals maßgeblich die Lebenswege eines Menschen – insbesondere die Möglichkeiten von Frauen.
Über Hildegards Herkunft ist erstaunlich wenig mit letzter Sicherheit bekannt. Zeitgenössische Quellen sind selten, oft unvollständig und wurden teilweise erst Jahrzehnte nach ihrem Tod verfasst. Deshalb sind Geburtsort, familiäre Verhältnisse und einzelne Stationen ihrer frühen Lebensgeschichte bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Historiker müssen Urkunden, Klosterchroniken und spätere Überlieferungen sorgfältig gegeneinander abwägen, um ein möglichst zuverlässiges Bild zu gewinnen.
Gleichzeitig zeigen die verfügbaren Quellen deutlich, dass Hildegard aus einem wohlhabenden und einflussreichen rheinischen Adelsgeschlecht stammte. Die weit verzweigten Beziehungen ihrer Familie reichten bis in die höchsten Kreise der Reichskirche und des regionalen Adels. Dieses Netzwerk eröffnete ihr Bildung, Schutz und Handlungsspielräume, die für eine Frau des 12. Jahrhunderts keineswegs selbstverständlich waren.
Dieses Kapitel stellt die unterschiedlichen Forschungsergebnisse zur Herkunft Hildegards vor, beschreibt ihre Familie und ihren sozialen Stand und ordnet diese in die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit ein. Erst vor diesem Hintergrund werden ihre spätere Selbstständigkeit, ihre politischen Kontakte und ihr außergewöhnlicher Einfluss auf Kirche und Gesellschaft wirklich verständlich.