Konsolidierung zum homogenen Ritterstand

Das 12. Jahrhundert war von tiefgreifenden Veränderungen der gesellschaftlichen Ordnung geprägt. Das mittelalterliche Selbstverständnis unterschied weiterhin zwischen dem Wehrstand (bellatores), dem geistlichen oder Lehrstand (oratores) und dem Nährstand (laboratores). Innerhalb des Wehrstandes vollzog sich jedoch ein Wandel, der langfristig zur Herausbildung eines weitgehend einheitlichen Ritterstandes führte.

Eine entscheidende Rolle spielte dabei der gesellschaftliche Aufstieg der Ministerialen. Ursprünglich waren diese Dienstleute rechtlich unfreien Ursprungs. Durch ihre Tätigkeit in der Verwaltung adliger Herrschaften sowie ihren militärischen Dienst für geistliche und weltliche Herren gewannen sie jedoch zunehmend Ansehen und Einfluss. Im Laufe des 12. Jahrhunderts näherten sie sich den edelfreien Geschlechtern an und gingen schließlich mit ihnen in einem gemeinsamen Ritterstand auf. Auf diese Weise entstand eine neue Führungsschicht des niederen Adels, die militärische Aufgaben ebenso wahrnahm wie Verwaltungs- und Herrschaftsfunktionen.

Gerade im rheinisch-naheländischen Raum lässt sich diese Entwicklung gut beobachten. Auch die Familie Hildegards von Bingen bewegte sich innerhalb dieses gesellschaftlichen Umfeldes. Ihr Vater Hildebert von Bermersheim stand als Ritter beziehungsweise Edelknappe im Dienst der Grafen von Sponheim und gehörte damit zu jener aufstrebenden Schicht, die zwischen traditionellem Adel und ministerialem Dienststand angesiedelt war.

Die Zugehörigkeit zu diesem Ritterstand eröffnete den betroffenen Familien weitreichende Möglichkeiten. Neben militärischen Verpflichtungen nutzten sie ihre Stellung, um Verbindungen zu den führenden geistlichen Einrichtungen des Reiches aufzubauen und ihre Angehörigen in kirchliche Ämter einzubringen. Für Hildegard von Bingen bildete dieses gesellschaftliche Umfeld eine wichtige Voraussetzung ihres späteren Wirkens. Es ermöglichte ihr den Zugang zu einer qualifizierten klösterlichen Ausbildung, verschaffte ihrer Familie Einfluss innerhalb kirchlicher Kreise und trug dazu bei, dass sie sich später mit ungewöhnlicher Autorität innerhalb der mittelalterlichen Kirche behaupten konnte.


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