Im größeren historischen Kontext der „Folgen“ erweisen sich Verfall und Leerstand in den Quellen nicht nur als negative Endpunkte, sondern oftmals als entscheidende Auslöser für neue, prägende Entwicklungsphasen des Klosters. Die Texte dokumentieren drei wesentliche historische Einschnitte, bei denen Leerstand und baulicher Verfall weitreichende Konsequenzen nach sich zogen:
1. Leerstand als Folge der Reichskriege und Voraussetzung für Hildegard (12. Jahrhundert) Die unmittelbare Folge der Zerstörungen durch die Truppen Kaiser Friedrich I. Barbarossas war die Flucht der ursprünglichen augustinischen Gemeinschaft. Als direkte Konsequenz blieben die stark beschädigten Klostergebäude unbewohnt und standen bis zum Jahr 1165 als ungenutzte, verfallende Ruinen leer. Paradoxerweise hatte genau dieser Zustand des Verfalls und Leerstands eine weitreichende historische Folge: Er schuf die räumliche Voraussetzung dafür, dass Hildegard von Bingen die verwaiste Anlage 1165 käuflich erwerben konnte. Da ihr Hauptkloster Rupertsberg an Platzmangel litt, nutzte sie die leerstehenden Gebäude, ließ die Ruinen restaurieren und besiedelte sie mit Benediktinerinnen neu. Der kriegsbedingte Leerstand war somit die direkte Ursache für die Etablierung von Eibingen als weltbekanntem Hildegard-Kloster.
2. Die „verwaiste Anlage“ als Folge demografischen Niedergangs (16. Jahrhundert) Eine zweite Phase des Leerstands ergab sich im 16. Jahrhundert aus einem starken demografischen Rückgang. Die Folge dieses Schwundes war, dass bis zum Jahr 1575 nur noch drei Benediktinerinnen im Kloster lebten, weshalb diese den Standort aufgaben und in das Zisterzienserinnenkloster Marienhausen übersiedelten. Die direkte Folge dieses erneuten Leerstands war, dass die nun verwaiste Anlage vorübergehend eine neue Funktion erfüllen konnte: Sie bot rettende Zuflucht für Augustiner-Chorfrauen aus St. Peter bei Bad Kreuznach, die vor der Reformation fliehen mussten.
3. Räumung, Verfall und Abbruch als Folge der Säkularisation (19. Jahrhundert) Im frühen 19. Jahrhundert war der Leerstand eine direkte Folge der politischen Säkularisation (Reichsdeputationshauptschluss 1802/03). Die nassauische Regierung hob das Kloster auf und zwang die letzten verbliebenen Nonnen im Jahr 1814 zum Auszug. Die Folgen dieser erzwungenen Räumung und des damit einhergehenden Leerstands waren gravierend: Die Anlage verlor ihre klösterliche Funktion, die Einrichtung wurde verkauft oder verschenkt, und die Klosterkirche wurde vorübergehend zweckentfremdet als Waffenlager (Zeughaus) genutzt, bevor sie 1831 zur Pfarrkirche umgewandelt wurde. Der bauliche Verfall gipfelte im Jahr 1817 im endgültigen Abbruch des West- und Südflügels der ungenutzten Klosteranlage.
(Exkurs zur Verwechslungsgefahr: Die Quellen weisen zudem auf ein Augustinerkloster in Osnabrück hin, das oft fälschlicherweise mit dem Rheingau in Verbindung gebracht wird. Auch dieses Kloster wurde in der Reformationszeit aufgelöst. Die Folge dieses Leerstands war, dass die Gebäude in den 1630er Jahren teils „offenbar baufällig“ waren und abgerissen wurden, um als Baumaterial für eine geplante Jesuitenuniversität zu dienen, während die intakte Kirche von schwedischen Statthaltern weitergenutzt wurde.)