Wunsch nach Autonomie

Hildegards Wunsch nach Autonomie war die treibende Kraft hinter ihrem endgültigen Abzug vom Disibodenberg und markiert den entscheidenden Schritt ihrer Emanzipation von einer eingeschlossenen Reklusin zur unabhängigen Klostergründerin. Dieser Drang nach Eigenständigkeit speiste sich aus einer Kombination von theologischem Selbstbewusstsein und handfesten strukturellen Konflikten:

Wachsendes Selbstbewusstsein und theologische Legitimation Die Basis für Hildegards Streben nach Unabhängigkeit bildete ihr wachsendes theologisches Ansehen. Nachdem sie 1141 ihren visionären Auftrag zur Niederschrift von Sciviaserhalten hatte, erlangte sie zunehmend überregionale Bedeutung. Als schließlich der Mainzer Erzbischof und Papst Eugen III. ihre prophetische Gabe und ihre Schriften offiziell anerkannten, fühlte sich Hildegard in ihrem Wirken massiv bestärkt. Diese höchste kirchliche Bestätigung verlieh ihr die nötige Autorität und das Selbstbewusstsein, ihren Plan einer völlig eigenen Klostergründung in die Tat umzusetzen.

Räumliche Enge und strukturelle Unzufriedenheit Neben der spirituellen Emanzipation machten ganz praktische Zwänge den Wunsch nach Autonomie unausweichlich. Der Frauenkonvent war unter ihrer Leitung auf etwa 18 Nonnen angewachsen, sodass die räumlichen Kapazitäten auf dem Disibodenberg schlichtweg nicht mehr ausreichten. Darüber hinaus belegen die Quellen, dass Hildegard die dauerhafte institutionelle Anbindung an die Männergemeinschaft der Benediktiner und das damit verbundene Zusammenleben auf dem Berg schlichtweg nicht mehr zusagte. Sie wollte sich aus der Abhängigkeit der Mönche befreien.

Der Durchsetzung der Unabhängigkeit gegen Abt Kuno Hildegards Wunsch nach Autonomie provozierte einen schweren Konflikt mit dem Benediktinerabt Kuno von Disibodenberg, der sich ihren Plänen erbittert widersetzte. Kunos Widerstand war vor allem ökonomisch motiviert: Mit dem Abzug der Frauen drohte dem Männerkloster der Verlust von Ländereien, adligen Stiftungsgeldern und den lukrativen Pilgerströmen, die durch Hildegards Berühmtheit angezogen wurden.

Um ihre Unabhängigkeit dennoch durchzusetzen, agierte Hildegard äußerst strategisch und nutzte ihr hochrangiges Netzwerk. Sie trat unter anderem mit dem mächtigen Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux in Kontakt und instrumentalisierte gezielt ihre weitreichenden Verbindungen zum Mainzer Erzbistum, um die Blockade der Disibodenberger Mönche zu brechen. Letztlich triumphierte ihr eiserner Wille zur Eigenständigkeit: Sie setzte sich gegen den Abt durch und zog zwischen 1147 und spätestens Anfang 1152 mit ihren Mitschwestern auf die neue Klosterbaustelle am Rupertsberg bei Bingen, um dort als vollkommen autarke Äbtissin zu wirken.


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