Disibodenberg

Hildegards Herkunft

Hildegard auf dem Disibodenberg

Die fast vier Jahrzehnte, die Hildegard von Bingen auf dem Disibodenberg verbrachte, waren die prägendste Zeit ihres Lebens. Hier erhielt sie ihre geistliche Ausbildung, lernte Lesen, Schreiben und die Liturgie kennen, entwickelte ihre außergewöhnliche Bildung und erlebte jene Visionen, die sie später zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten des Mittelalters machten. Aus dem adligen Mädchen wurde auf dem abgelegenen Klosterberg eine Frau, deren Rat schließlich von Päpsten, Kaisern und Bischöfen gesucht wurde.

Der Disibodenberg war jedoch weit mehr als ein Ort der Stille und des Gebets. Das Benediktinerkloster befand sich in einer Phase tiefgreifender Erneuerung. Während Hildegard dort lebte, entstand eine der bedeutendsten romanischen Klosteranlagen des Rheinlands. Gleichzeitig wandelte sich die kleine Frauenklause unter der Leitung Juttas von Sponheim zu einem wachsenden Frauenkonvent, dessen Entwicklung schließlich die räumlichen und organisatorischen Grenzen des Doppelklosters sprengte.

Hier entstanden die Grundlagen von Hildegards späterem Wirken. Sie lernte die Regeln des klösterlichen Lebens ebenso kennen wie die politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten eines mittelalterlichen Klosters. Nach Juttas Tod übernahm sie selbst die Leitung des Frauenkonvents und begann mit der Niederschrift ihres ersten großen Werkes Scivias. Zugleich reifte in ihr der Entschluss, für ihre Gemeinschaft einen eigenen, unabhängigen Ort zu schaffen – eine Entscheidung, die schließlich zur Gründung des Klosters auf dem Rupertsberg führte.

Dieses Kapitel zeichnet Hildegards Weg auf dem Disibodenberg nach. Es verbindet die Geschichte des Klosters mit ihrer persönlichen Entwicklung und zeigt, wie eng beide miteinander verflochten waren. Wer verstehen möchte, weshalb Hildegard später zu einer der einflussreichsten Frauen des 12. Jahrhunderts wurde, findet auf dem Disibodenberg den Schlüssel zu ihrer geistigen, theologischen und menschlichen Reifung.


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