Der Abzug zum Rupertsberg (der sich zwischen 1147 und spätestens Anfang 1152 vollzog) markiert den finalen Schritt in der Emanzipation Hildegards von Bingen von ihrer jahrzehntelangen Wirkungsstätte auf dem Disibodenberg. Im größeren Kontext ihres Lebens vollendet sich hiermit ihre Entwicklung von einer ehemals eingeschlossenen Reklusin zur völlig eigenständigen und einflussreichen Klostergründerin.
Motivation für die Trennung Nachdem Hildegard im Jahr 1136 zur Magistra gewählt worden war und ihre theologische Autorität durch die offizielle Anerkennung ihrer visionären Schriften (Scivias) durch den Mainzer Erzbischof und Papst Eugen III. gefestigt war, fühlte sie sich in ihrem Wirken stark genug, um nach völliger Unabhängigkeit zu streben. Ein wesentlicher und sehr praktischer Grund für ihren Wunsch wegzuziehen, war das enorme Wachstum ihrer Gemeinschaft: Der Frauenkonvent war auf mittlerweile 18 bis 20 Nonnen angewachsen, weshalb die räumlichen Kapazitäten auf dem Disibodenberg nicht mehr ausreichten. Darüber hinaus sagte ihr die anhaltende institutionelle Anbindung an und Abhängigkeit von der Männergemeinschaft der Benediktiner nicht länger zu.
Der kirchenpolitische Konflikt mit Abt Kuno Hildegards Plan, den Berg zu verlassen und ein neues Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen zu errichten, stieß auf den erbitterten Widerstand des Disibodenberger Benediktinerabtes Kuno. Kuno wollte die überregionale Berühmtheit der Prophetin auf keinen Fall ziehen lassen. Die Quellen belegen, dass sein Widerstand primär ökonomischer und prestigebezogener Natur war: Ein Wegzug des weiblichen Konvents bedeutete für das Männerkloster den direkten Verlust von lukrativen Pilgerströmen, adligen Stiftungsgeldern und erheblichen Ländereien, welche die zumeist wohlhabenden Frauen bei ihrem Eintritt in das Kloster eingebracht hatten.
Durchsetzung und Auszug Hildegard ließ sich durch diese Widerstände jedoch nicht aufhalten. Nach langwierigen kirchenpolitischen Auseinandersetzungen, in denen sie ganz gezielt ihre weitreichenden Kontakte zum Mainzer Erzbistum instrumentalisierte, brach sie die Blockade der Mönche. Zwischen 1147 und spätestens Anfang 1152 verließ sie mit ihren Mitschwestern den Disibodenberg endgültig und siedelte auf die neue Klosterbaustelle auf dem Rupertsberg über, wo sie bis zu ihrem Tod am 17. September 1179 wirkte.
Folgen für das Kloster Disibodenberg Für die verbliebenen Benediktinermönche war dieser Auszug fatal. Der Weggang Hildegards markierte das Ende der spirituellen Glanzzeit der benediktinischen Ära auf dem Berg. Ohne die Strahlkraft der berühmten Prophetin litt das Ansehen des alten Klosters massiv. Die Männergemeinschaft rutschte in eine langanhaltende Phase des wirtschaftlichen und spirituellen Niedergangs ab, der durch politische Händel und kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem regionalen Adel und dem Mainzer Erzbistum noch dramatisch verschärft wurde, bis das Kloster schließlich fast vollständig verarmte.