Die einstimmige **Wahl Hildegards zur \Magistra\ (Vorsteherin) im Jahr 1136** markiert den absolut entscheidenden Wendepunkt für ihre Entwicklung an ihrer ersten großen Wirkungsstätte, dem Disibodenberg.
Vom Leben im Schatten zur alleinigen Führung Nachdem Hildegards verehrte Lehrerin und Vertraute Jutta von Sponheim im Jahr 1136 verstarb, wurde Hildegard im Alter von 38 Jahren als ihre direkte Nachfolgerin zur Leiterin der Frauenklause gewählt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Hildegard bereits 24 Jahre lang im Schatten Juttas in klösterlicher Isolation gelebt. Mit der Wahl trat sie nun selbst in die Fußstapfen jener starken, einflussreichen Frau, die das Leben auf dem Berg maßgeblich geprägt hatte.
Physische und personelle Expansion der Wirkungsstätte Im Kontext des Disibodenbergs führte Hildegards neues Amt zu einer massiven räumlichen und institutionellen Veränderung ihrer Wirkungsstätte:
- Wachstum: Unter ihrer Leitung wuchs das Ansehen des Frauenkonvents stetig. Es traten neue Schwestern in die Gemeinschaft ein, die oftmals auch gesellschaftliche Macht und Besitztümer mit in das Kloster brachten. Die Gemeinschaft wuchs schließlich auf annähernd 20 Nonnen an. - Räumliche Vergrößerung: Da die ursprüngliche, kleine Reklusenklause (die 1112 für lediglich drei Frauen konzipiert worden war) für diese wachsende Zahl an Frauen viel zu eng wurde, musste die Wirkungsstätte verlegt werden. Ende der 1130er Jahre organisierte die neue Magistra Hildegard den Umzug ihrer Mitschwestern in deutlich größere Räumlichkeiten auf dem Berg – höchstwahrscheinlich in einen mehrgeschossigen Wohnturm nahe der Klosterpforte, der über eine eigene Kapelle verfügte.
**Der Weg zu \Scivias\ und zur Unabhängigkeit** Die Wahl zur Magistra bildete das institutionelle Fundament für Hildegards geistiges Erwachen an dieser Wirkungsstätte. Nur fünf Jahre nach ihrer Wahl, im Jahr 1141, erlebte sie in ihrer neuen Rolle jene tiefgreifenden Visionen, die sie zur Niederschrift ihres ersten großen Werkes Scivias („Wisse die Wege“) brachten.
Gleichzeitig trug die Wahl zur Magistra bereits den Keim für den späteren Abschied von ihrer Wirkungsstätte in sich. Weil die Gemeinschaft unter ihrer Führung so stark wuchs und Hildegard als anerkannte Vorsteherin nach völliger Unabhängigkeit für ihren Konvent strebte, empfand sie die räumlichen Verhältnisse und die Abhängigkeit von den Mönchen des Disibodenbergs bald als zu einschränkend. Diese Emanzipation, die mit der Wahl im Jahr 1136 begann, gipfelte schließlich in ihrem Entschluss, ihre Wirkungsstätte gänzlich zu verlegen und gegen erhebliche Widerstände ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg zu gründen.