Wirkungsstätte

Der Disibodenberg gilt historisch als die erste Wirkungsstätte der Hildegard von Bingen und bildete das räumliche wie spirituelle Fundament für ihren Aufstieg zu einer der berühmtesten Frauen des Mittelalters. Sie verbrachte auf diesem Berg an der Nahe, beginnend mit ihrem Eintritt in die Frauenklause im Jahr 1112, fast 40 Jahre ihres Lebens. Dies markiert die längste durchgehende Epoche ihrer Biografie.

Der Disibodenberg als Ort des intellektuellen Erwachens An dieser ersten Wirkungsstätte erlebte Hildegard im Jahr 1141 jene bahnbrechende Vision, die ihr den göttlichen Auftrag erteilte, ihre inneren Schauen aufzuschreiben und öffentlich zu verkünden. Noch auf dem Disibodenberg begann sie mit der Unterstützung des Mönchs Volmar die Niederschrift ihres theologischen Hauptwerks Scivias („Wisse die Wege“).

Die Quellen verdeutlichen zudem, dass die physische Realität dieser Wirkungsstätte ihre theologische Bildsprache direkt prägte. Da die Klosteranlage auf dem Bergplateau zu dieser Zeit eine lärmende Großbaustelle war, auf der eine monumentale Pfeilerbasilika errichtet wurde, inspirierte diese Umgebung vor ihrem Klausenfenster höchstwahrscheinlich ihre berühmte visionäre Metapher der „Stadt auf dem Berg“.

Der Wechsel der Wirkungsstätte auf den Rupertsberg Obwohl ihr Wirken dem Disibodenberg ein enormes Ansehen, neue wohlhabende Mitschwestern und starken Pilgerzulauf einbrachte, entwachs Hildegard den Strukturen dieser ersten Wirkungsstätte. Da die Räumlichkeiten für die auf fast 20 Nonnen angewachsene Gemeinschaft zu eng wurden und sie nach struktureller Unabhängigkeit strebte, plante sie die Gründung eines eigenen Klosters.

Gegen den erbitterten Widerstand des Disibodenberger Abts Kuno, der den Ruhm und die Einnahmen nicht verlieren wollte, setzte sich Hildegard durch und verließ den Berg spätestens Anfang 1152. Sie verlegte ihre neue Wirkungsstätte auf den Rupertsberg bei Bingen und gründete 1165 zudem ein weiteres Kloster in Eibingen im Rheingau. Mit ihrem Wegzug verlor das alte Kloster auf dem Disibodenberg drastisch an Strahlkraft und erlitt in der Folgezeit einen spirituellen und wirtschaftlichen Niedergang.

Die heutige Bedeutung der ersten Wirkungsstätte Heute wird die Ruine des Disibodenbergs von der Disibodenberger Scivias Stiftung gepflegt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen magischen Ort als Hildegards erste Wirkungsstätte zu erhalten. Für moderne Besucher ist die Ausstrahlung ihres Geistes dort noch immer stark spürbar. Viele Menschen besuchen das Museum, wandern auf dem "Weg der Stille" und hinterlassen in der Hildegardis-Kapelle bewegende Dankesbriefe an Hildegard für ihr überliefertes Wissen in Medizin, Natur- und Heilkunde.


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