Die Übernahme des Klosters Disibodenberg durch Zisterziensermönche aus dem pfälzischen Kloster Otterberg im Jahr 1259 war eine absolute Notmaßnahme, die den Beginn der dritten und letzten klösterlichen Blütezeit des Berges einläutete.
Die Ausgangslage und der Ruf nach Otterberg Der Übernahme vorausgegangen war der gänzliche Niedergang der ehemals reichen Benediktinerabtei. Nach dem Wegzug Hildegards von Bingen verarmte das Kloster zunehmend, was durch kriegerische Auseinandersetzungen – insbesondere die Eroberung und Verwüstung durch eine Adelskoalition unter Führung der Wild- und Rheingrafen im Jahr 1242 – massiv verschärft wurde. Von diesem vernichtenden Schlag konnte sich das Kloster aus eigener Kraft nie wieder erholen. Um die altehrwürdige Anlage vor dem endgültigen Ruin zu bewahren, sah sich der Mainzer Erzbischof Gerhard im Jahr 1259 gezwungen, das Benediktinerkloster formell aufzulösen und die heruntergekommenen Gebäude nebst Besitz an den Zisterzienserorden zu übergeben.
Die zwölf Mönche aus der Filiation Otterberg Für diesen Neuanfang wurden genau zwölf Zisterziensermönche aus dem pfälzischen Kloster Otterberg entsandt. Die Abtei Otterberg selbst war eine Filiation (Tochtergründung) des renommierten Klosters Eberbach, welches wiederum auf die Primarabtei Clairvaux zurückging. Durch diese Übergabe fungierte der Disibodenberg von da an für fast 300 Jahre als eine strategische Filiale seines pfälzischen Mutterklosters Otterberg.
Rigorose Reformen und die Sanierung der Finanzen Im größeren Kontext der neu anbrechenden Zisterzienser-Ärabewirkte die Ankunft der Otterberger Mönche eine beispiellose Wende auf dem Berg. Die Zisterzienser bezogen die verfallenen Gebäude und unterwarfen die klösterliche Verwaltung sofort einer rigorosen Reform. Dank ihrer straffen Ordensführung und der typisch zisterziensischen, hochgradig disziplinierten Wirtschaftsordnung begannen sie innerhalb weniger Jahre, die zerrütteten Finanzen der Abtei vollständig zu sanieren. Das Kloster florierte dadurch zum dritten Mal in seiner Geschichte.
Ein wesentliches Fundament dieser wirtschaftlichen Konsolidierung war der systematische Ausbau der landwirtschaftlichen Betriebe durch die Otterberger Mönche. Sie erkannten insbesondere das Potenzial der steilen Südhänge des Berges und machten den Weinbau zu einem zentralen und äußerst lukrativen Wirtschaftsfaktor der neuen Abtei.
Die architektonische Umgestaltung Mit der wirtschaftlichen Sanierung durch die Otterberger Mönche ging auch eine weitreichende architektonische Umgestaltung einher. Die Zisterzienser bauten die alten, noch stark romanisch geprägten Gebäude konsequent nach ihren eigenen Bedürfnissen und Ordensregeln im Stil der Gotik um. Sie erweiterten das Areal um monumental wirkende Bauwerke, die heute die Ruine prägen: Sie errichteten unter anderem das große Hospizgebäude und das repräsentative Abteigebäude, deren hoch aufragende Giebel und mächtige Kamine noch heute eindrucksvoll von der wohlhabenden und anspruchsvollen Ausstattung dieser neuen Zisterzienser-Ära zeugen.
Zusammenfassend war die Übernahme durch das Kloster Otterberg der entscheidende Rettungsanker, der den Disibodenberg nicht nur vor dem Verfall bewahrte, sondern ihn in einen hochorganisierten, landwirtschaftlich äußerst erfolgreichen Schwerpunkt der Zisterzienser verwandelte.