Der Eintritt am 1. November 1112 markierte ein einschneidendes Ereignis für das Kloster Disibodenberg, als die erst vierzehnjährige Hildegard von Bingen, die zwanzigjährige Jutta von Sponheim und eine dritte junge Frau in eine dem Männerkloster angegliederte Frauenklause aufgenommen wurden.
Dieser Eintritt war jedoch kein gewöhnlicher Klosterbeitritt, sondern besaß den drastischen Charakter einer symbolischen Bestattungszeremonie. Hildegard selbst beschrieb diese Aufnahme in ihrer rund sechzig Jahre später verfassten Schriften rückblickend wie ein Begräbnisritual.
Das Konzept der Reclusio (Inklusion) Die Natur dieser "Bestattung" bestand in der sogenannten Reclusio: Die jungen Frauen wurden dauerhaft in einer engen, fensterlosen Klause eingeschlossen und praktisch eingemauert. Der theologische und spirituelle Zweck dieses extremen Schrittes war es, sich radikal und gänzlich von der materiellen Außenwelt abzuwenden. Das Begräbnisritual symbolisierte das Sterben für die weltliche Gesellschaft, um fortan in völliger Isolation ausschließlich ein spirituelles Leben für Gott zu führen.
Die physische Realität des "Grabes" Die Quellen vermuten, dass sich diese erste, provisorische Klause in einem kleinen, schmalen Anbau an der alten Stiftskirche aus der Zeit von Erzbischof Willigis befand. Die Isolation war so strikt, dass ihr einziger physischer Kontakt zur klösterlichen Welt aus einem kleinen inneren Verbindungsfenster bestand. Durch diese winzige Öffnung konnten die Frauen rein akustisch und visuell an den Gottesdiensten und dem Chorgebet der Mönche teilnehmen, während sie selbst aufgrund der räumlichen Trennung für die Außenwelt völlig unsichtbar blieben.
Bedeutung im größeren Kontext von Hildegards Leben Im größeren historischen Rahmen bildet diese drastische Isolation den eigentlichen Startpunkt für Hildegards außergewöhnliche Entwicklung. Unter der strengen und asketischen Führung ihrer Magistra Jutta von Sponheim entwickelte sich eben jene winzige "Grabstätte" rasch zu einem spirituellen Anziehungspunkt für den regionalen Adel. Die Frauengemeinschaft wuchs derart rasant an, dass sie die engen Verhältnisse dieser ersten Klause Ende der 1130er Jahre sprengte und in einen wesentlich größeren Wohnturm umziehen musste.
Die symbolische Bestattung von 1112 war somit das fundamentale Initiationsritual: Aus dem radikalen Rückzug der vierzehnjährigen Reklusin erwuchs in den folgenden Jahrzehnten eine Gemeinschaft, die Hildegard als Magistra anführte, in die Unabhängigkeit auf den Rupertsberg führte und die sie schließlich zu einer der berühmtesten und einflussreichsten Frauen des deutschen Mittelalters machte.