Der historische Moment des Eintritts Am 1. November 1112 erlebte das Kloster Disibodenberg ein folgenschweres Ereignis: Die feierliche Aufnahme von drei adligen jungen Frauen in eine neu gegründete, dem Männerkloster angegliederte Frauenklause. Unter diesen Frauen befanden sich die zwanzigjährige Jutta von Sponheim und die erst vierzehnjährige Hildegard von Bingen.
Die rituelle Inklusion als "Bestattung" Dieser Eintritt war kein gewöhnlicher Klostereintritt, sondern besaß den drastischen Charakter einer symbolischen Bestattungszeremonie. Hildegard und ihre Gefährtinnen wurden als Reklusinnen (Eingeschlossene) dauerhaft in einer engen, fensterlosen Klause eingemauert (Reclusio), um sich radikal von der materiellen Außenwelt abzuwenden. Die Quellen vermuten, dass sich diese erste, provisorische Klause in einem kleinen, seitlichen Anbau an der alten Stiftskirche aus der Zeit von Erzbischof Willigis befand. Ihr einziger Kontakt zur klösterlichen Welt war ein kleines inneres Verbindungsfenster, durch das die Frauen rein akustisch und visuell am Chorgebet der Mönche teilnehmen konnten, während sie selbst für die Außenwelt völlig unsichtbar blieben.
Bedeutung im größeren Kontext von Hildegards Leben Der Eintritt von 1112 war der Startpunkt für einen fast 40-jährigen Aufenthalt Hildegards auf dem Disibodenberg, was die längste durchgehende Epoche in ihrem Leben darstellt. Die Jahre der Reklusio prägten sie zutiefst:
- Bildung und Nachfolge: In der Klausur erhielt die junge Hildegard unter der Anleitung der hochgebildeten und asketischen Jutta ihre grundlegende theologische und musikalische Ausbildung. Nach Juttas Tod im Jahr 1136 wurde Hildegard im Alter von 38 Jahren einstimmig zu deren Nachfolgerin und Magistra des inzwischen stetig wachsenden Frauenkonvents gewählt. - Wachstum und theologische Blüte: Die Keimzelle von 1112 wuchs unter Hildegards Leitung derart rasant an, dass die Frauen bald in einen wesentlich größeren, neu errichteten Wohnturm mit eigener Kapelle umziehen mussten. Genau an diesem Ort erlebte Hildegard im Jahr 1141 jene tiefgreifenden Visionen, die ihr den Auftrag gaben, ihr wegweisendes theologisches Hauptwerk Scivias ("Wisse die Wege") zu verfassen. - Ausbruch in die Unabhängigkeit: Die extreme Isolation, die mit dem Eintritt 1112 begonnen hatte, wandelte sich durch Hildegards wachsenden Ruhm als Prophetin in das genaue Gegenteil. Um die Unabhängigkeit ihrer Mitschwestern zu sichern, beschloss sie schließlich, die Strukturen auf dem Berg komplett hinter sich zu lassen. Gegen den erbitterten Widerstand des Benediktinerabtes Kuno, der Ländereien und Pilgerströme nicht verlieren wollte, verließ Hildegard mit ihrem Konvent den Disibodenberg zwischen 1147 und 1152 endgültig, um ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen zu gründen.
Der Eintritt im Jahr 1112 war somit das fundamentale Initiationsritual, aus dem sich Hildegard von einer völlig isolierten vierzehnjährigen Reklusin zu einer der berühmtesten und einflussreichsten Frauen des deutschen Mittelalters entwickelte.