Niederschrift Scivias

Das Jahr 1141 markiert den absoluten Wendepunkt in Hildegards geistiger und literarischer Entwicklung und macht das Kloster Disibodenberg zu ihrer wahrhaftig formenden, ersten großen Wirkungsstätte. In ihrem 43. Lebensjahr erlebte sie auf dem Berg eine bahnbrechende theologische Vision, die ihr den göttlichen Auftrag erteilte, alles, was sie in ihrer Schau vernahm und sah, schriftlich zu fixieren und öffentlich zu verkünden.

Klarer Verstand statt Trance Die Quellen heben hervor, dass Hildegard großen Wert darauf legte, die Natur dieser Visionen zu definieren. Sie empfing ihre göttlichen Eingebungen nicht im Traum, im Rausch oder im Zustand der Ekstase, sondern explizit „in wachem Zustand, bei klarem Verstand“. Noch an ihrer Wirkungsstätte auf dem Disibodenberg begann sie daraufhin mit der unabdingbaren Unterstützung des Mönchs Volmar – der zu ihrem engsten Vertrauten und Kopisten wurde – die Niederschrift ihres theologisch-kosmologisches Hauptwerks Scivias („Wisse die Wege“).

Die Baustelle als visionäre Inspiration Im größeren Kontext ihrer Wirkungsstätte ist aus religionsgeschichtlicher Perspektive besonders faszinierend, dass der physische Raum des Disibodenbergs ihre visionäre Ästhetik in den Texten von 1141 direkt beeinflusste. Die Klosteranlage auf dem Plateau war in diesen Jahrzehnten eine gewaltige, lärmende Großbaustelle, auf der unzählige Steinhauer, Zimmerleute und Händler an der monumentalen romanischen Pfeilerbasilika arbeiteten.

Die theologische Metapher der „Stadt auf dem Berg“, die Hildegard in ihren Visionen wiederholt nutzt, war demnach keine rein biblische Allegorie. Sie war vielmehr die direkte kognitive Verarbeitung ihrer unmittelbaren physischen Umwelt, die sie über Jahre hinweg täglich aus dem Fenster ihrer Klause heraus beobachtete.

Vom göttlichen Auftrag zur Unabhängigkeit Die Visionen von 1141 wandelten die Bedeutung ihrer Wirkungsstätte radikal. Aus der isolierten Klause heraus erlangte Hildegard durch ihre Schriften überregionale Berühmtheit. Nachdem der Mainzer Erzbischof und später auch Papst Eugen III. ihre prophetische Gabe und ihre Schriften offiziell anerkannten, fühlte sich Hildegard massiv in ihrer Rolle bestärkt.

Diese theologische Bestätigung gab ihr das Selbstbewusstsein und die Legitimation, die engen Grenzen ihrer bisherigen Wirkungsstätte auf dem Disibodenberg zu sprengen. Weil sie völlige Unabhängigkeit für ihren Konvent anstrebte, entfloh sie der Dominanz der Mönche und des Abts Kuno, setzte sich gegen deren erbitterten Widerstand durch und verließ den Berg bis Anfang 1152 endgültig, um eine neue Wirkungsstätte auf dem Rupertsberg bei Bingen zu gründen.


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