Der gotische Ausbau der Klosteranlage ist das architektonische Hauptzeugnis der enormen wirtschaftlichen Blütezeit, die mit der Zisterzienser-Ära ab 1259 auf dem Disibodenberg anbrach.
Im größeren historischen Kontext markiert dieser Ausbau den Wandel der ehemals benediktinischen Anlage. Nachdem 12 Zisterziensermönche aus dem pfälzischen Kloster Otterberg die ruinöse und verarmte Abtei übernommen hatten, sanierten sie die zerrütteten Finanzen durch eine straffe Verwaltung und systematische Agrarwirtschaft, insbesondere durch den lukrativen Weinbau an den Südhängen. Den rasch neu erwirtschafteten Reichtum investierten sie in eine weitreichende und radikale Umgestaltung des Berges nach den Bedürfnissen und Bauidealen ihres eigenen Ordens.
Gotisierung der bestehenden Anlagen Die Zisterzienser transformierten das architektonische Gesicht des Klosters konsequent von der Romanik hin zur Gotik.
- Die Abteikirche: Die von den Benediktinern errichtete romanische Pfeilerbasilika St. Nikolaus wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts gotisiert. Hochfeine, filigrane und künstlerisch überaus wertvolle Reste dieser gotischen Steinmetzarbeiten sind heute im Museum ausgestellt und vermitteln einen Eindruck davon, wie prächtig und feindekoriert die Abteikirche in dieser Ära war. - Der Kreuzgang und die Marienkapelle: Der östliche Flügel des Kreuzgangs wurde im 14. Jahrhundert aufwendig eingewölbt und mit einem gotischen Kreuzrippengewölbe versehen. Zudem entstand eine gotische Marienkapelle, die 1382 von einem Ritterehepaar als Grablege gestiftet wurde.
Monumentale Neubauten Darüber hinaus schufen die Zisterzienser völlig neue, gigantische Bauwerke, deren Ausmaße die Ruine noch heute dominieren:
- Das Hospiz (Gästehaus): Dieses nach 1400 errichtete, ursprünglich dreigeschossige Gebäude beeindruckt Besucher bis heute mit seinen gewaltigen, hoch aufragenden Giebeln. Drei im Mauerwerk erhaltene Kamine zeugen von einer anspruchsvollen, sehr komfortablen und wohlhabenden Ausstattung, die für die Unterbringung hochrangiger Gäste sowie für Laienbrüder vorgesehen war. - Das Abteigebäude und der Küchentrakt: Die Zisterzienser übernahmen den unvollendeten Keller-Rohbau des benediktinischen Refektoriums (in dem sie vermutlich ihre großen Mengen an Wein und Getreide lagerten) und bauten ihn nach ihren Vorstellungen aus. Darüber entstand ein dreigeschossiges Abteigebäude. Das erste Obergeschoss war als Residenz- und Repräsentationsraum des Abtes konzipiert und bestand aus einem monumentalen, zweischiffigen Saal, der von mächtigen Säulen getragen und mit großen Kaminen beheizt wurde.
Bedeutung im größeren Kontext Der gotische Ausbau war somit das steinerne Symbol für den dritten und letzten klösterlichen Frühling auf dem Disibodenberg. Die hoch aufragenden Giebel, mächtigen Kamine und verzierten Architekturfragmente demonstrierten eindrucksvoll den immensen Reichtum und die hohe Lebensqualität, die der Orden durch seine professionelle Wirtschaftsführung erreicht hatte.
Diese zisterziensische Epoche des gotischen Glanzes und der Stabilität prägte das Klostergelände für annähernd 300 Jahre, bis der Berg im Zuge der Reformation im Jahr 1559 schließlich aufgelöst wurde und die Anlage in der Folgezeit von der Landbevölkerung zunehmend als Steinbruch genutzt und dem Verfall preisgegeben wurde.